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Das Fegefeuer von Istanbul

Witold Szabłowski
(Auszug aus der Reportagensammlung über die Türkei:
„Weil ich dich liebe, Schwester“, Vliegen Verlag 2015)


Sie stehen auf, wenn die Stadt noch feiert, ziehen dunkelblaue Hosen an, feste Schuhe und T-Shirts mit dem Emblem der Stadt, bei der sie beschäftigt sind. Sie packen Erste-Hilfe-Ausrüstung, die wichtigsten Medikamente und warme Kleidung ein. Auch einen Vorrat an großen Plastiksäcken haben sie dabei.
Ein Honda-Geländewagen fährt sie zu den Stränden, die sie Meter für Meter absuchen. Zunächst die meistbesuchten. Dann die weniger besuchten. Und wenn die Zeit reicht – die unbesuchten. Sie suchen nach Resten von Booten, Pullovern, Rucksäcken, Mützen, umgekippten Schlauchbooten, nassen Decken, Dokumenten, Pässen, Kinderschuhen. Nach allem, was das Meer ans Ufer spülen könnte. Aber vor allem suchen sie nach Leichen.
»Vor fünf Jahren warf das Meer gleich neben den Luxushotels zwei Afrikaner an den Strand. Touristen haben sie entdeckt«, sagt Kazım. »Die Touristen mögen es nicht, Leichen am Strand zu finden. Die Engländer, Deutschen oder Polen kommen hierher, um sich zu erholen und zahlen viel dafür. Wir müssen aufräumen, bevor sie aufstehen.«

Das Sonderangebot
Wir sitzen in einem kleinen Café im Basarviertel von Istanbul. Einen halben Kilometer von uns entfernt steht der berühmte Topkapı-Sultanspalast. Tag für Tag schauen sich Tausende Touristen den Ort an, wo dieser Glückspilz von Sultan aß und schlief und wo der Harem mit den wunderschönen Frauen war.
Mahmud, einen Iraker mit graubraunem Bart und gelben Zigarettenfingern, interessieren diese Dinge nicht. Alle fünf Minuten raucht er eine, man könnte die Uhr danach stellen. Er raucht jede Zigarette bis zum Filter runter, bis er sich verbrennt.
Vor fünf Jahren hat er als Übersetzer für die Amerikaner gearbeitet, bis deren Feinde ihn zum Tode verurteilt haben. Die Amerikaner wollten oder konnten ihm nicht helfen.
»Es gibt ein Hilfsprogramm für ehemalige Übersetzer, aber nur Allah weiß, warum sie mich da nicht berücksichtigt haben«, sagt er. »Zwei meiner Kollegen sind umgekommen. Worauf sollte ich da warten? Ich nahm meine Frau, meine fünfjährige Tochter und bin abgehauen.«
Oruç Ulusoy, ein Rechtsanwalt aus Izmir, der Migranten hilft, warnt mich: »Sie sollten ihnen diese Geschichten nicht glauben. Sie sagen nicht die Wahrheit. Die ist für sie zu gefährlich.«
Aber Mahmuds hervorragender britischer Akzent verleiht ihm Glaubwür¬digkeit. Er sagt, sein Cousin in Deutschland habe ihm tausend Euro geschickt. Als die Familie im Irak nochmal so viel zusammenbekam, reichte das, um in einem Lkw bis nach Istanbul zu gelangen.
»Meine Frau und mein Kind habe ich nach Griechenland geschickt«, sagt Mahmud. »Das erste Boot wurde von der Küstenwache zur Umkehr gezwungen. Das zweite war undicht und lief voll; sie haben es gerade so wieder aus Ufer geschafft.«
Will man Mahmud glauben, hat es beim dritten Mal geklappt.
»Gut, dass es geklappt hat, denn dem kaçakçı, also dem Schlepper, zahlt man für drei Versuche. Das ist so ein Sonderangebot wie im Supermarkt. Wenn du es aber beim dritten Mal auch nicht schaffst, fängst du von vorne an, das Geld zusammenzukratzen«, sagt Mahmud.
Seine Frau ist bereits in München, während Mahmud in Istanbul festhängt. Er kennt hier alle: angefangen bei den kleinen Gaunern über die Zuhälter bis zu den Schleppern. Von ihm kann ich viel erfahren.
Mahmud muss zweitausend Euro zusammenkriegen. Er gibt Englischstun¬den, hilft, gestohlene Pässe zu verkaufen, verschafft den Schleppern Kundschaft. Er kann damit kein Vermögen machen, doch wenn alles gut geht, wird er in einem Jahr in Deutschland sein. Geld – das ist jetzt das Wichtigste für Mahmud. Als ich also sage: »Ich möchte, dass du mir hilfst, Yusuf zu finden«, fragt er weder, wer Yusuf ist, noch warum ich ihn suche. Er fragt nur: »Wie viel kannst du zahlen?«
Ich kann ihn nicht bezahlen. Mahmud breitet die Arme aus, drückt die bis zum Filter runtergerauchte Zigarette aus und geht seines Weges.

Die Brücke

Es gibt zwei Istanbul.
Das erste Istanbul ist das der Touristen, der Fünfsternehotels und der Partygänger. Orhan Pamuk nährt hier seine Nostalgie, und die mit Fotoap¬paraten behängten Japaner knipsen jeden Millimeter. Jahr für Jahr sind es zehn Millionen Menschen, die mit ihren Fotoapparaten hierher kommen, in die gesamte Türkei über dreißig Millionen. Sie tragen fast zehn Prozent zum türkischen Staatshaushalt bei.
Doch nicht nur Touristen lieben die Türkei. In den zurückliegenden Jahren war sie ein Paradies für Geschäftsleute, die von über sieben Prozent Wirtschaftswachstum angelockt wurden. Und für Politiker, die erkannt haben, dass die Türkei versucht, Europa und Asien einander anzunähern.
Über dieses erste Istanbul und über diese Türkei sagt der schnurrbärtige Ministerpräsident Erdoğan, sie seien die Brücke zwischen Ost und West.
Aber die wahre Brücke ist heute das zweite Istanbul. Um es zu sehen, muss man die Touristenpromenaden verlassen, in die Seitenstraßen einbiegen und den Blick schärfen.
Dann kann man Afrikaner beobachten, die mit letzter Kraft Wagen mit Metallschrott hinter sich herziehen. Chinesen, die irgendwo in einem Keller Gurken für Kebab schneiden. Inder mit tiefhängenden, wie an den Wangen angeklebten Tränensäcken, die Parfüm-Imitate verkaufen. Sie ertragen dieses Hundeleben, weil sie von Europa träumen. Sie glauben, unser Reichtum sei das Heilmittel für ihre Probleme.
Diese Menschen sind auf der Brücke, von der der türkische Ministerpräsident spricht, steckengeblieben. Es leben so viele von ihnen hier, dass niemand sie zu zählen versucht. Wissenschaftler spekulieren, dass jedes Jahr bis zu zwei Millionen Migranten durch das Fegefeuer von Istanbul gehen.
»Wir haben in der Fabrik immer sechzehn Stunden gearbeitet«, zitiert die Istanbuler Presse einen Flüchtling aus China. »Der Fabrikbesitzer ließ uns in so einer Bude hinter dem Betrieb übernachten. Für achtzehn Personen hatten wir vier Betten und einen Stuhl. Nach drei Monaten hat er uns fortgejagt, ohne uns den Lohn auszuzahlen. Das Schlimmste ist aber nicht, dass er nicht bezahlt hat, sondern dass wir seitdem auf einer Müllkippe wohnen.«

Yusuf
Yusuf habe ich vor sieben Jahren in einem kleinen Istanbuler Zweisternehotel kennengelernt. Er war so alt wie ich, hatte lange, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haare und einen Bart. Und er hatte einen Traum: nach Europa durchkommen.
Yusuf stammte aus Libyen. Er ist mit einem Touristenvisum nach Syrien gereist und von dort aus mit Schleppern in die Türkei gekommen. Ich wunderte mich, denn von Libyen aus fahren Schlepperboote direkt nach Italien. Das wäre für ihn günstiger gewesen.
»Ich habe Angst vor Wasser«, verriet er mir ganz beschämt, und Yusuf hatte allen Grund, sich zu schämen. Denn eigentlich sollte er in das erstbeste Boot steigen und entweder sterben oder ankommen. Stattdessen vergeudete er Zeit und das Geld seines Vaters.
Für seine Familie hätte er sich die Hand abhacken lassen.
»Aber ich musste weggehen«, betonte Yusuf. Erstarrte auf den Bosporus, der Europa und Asien trennt. »Wenn du in Libyen heiraten willst, musst du für den Unterhalt deiner Frau aufkommen können. Ich war dort Lehrer und konnte nicht einmal selbst davon leben.«
Aber Yusuf schaffte es nie, lange ernst zu bleiben, und wechselte sofort das Thema. Er fragte mich aus nach den polnischen Mädchen, nach polnischen Filmen und nach den Gehältern in Polen. Was immer ich antwortete – jedes Mal leuchteten seine Augen wie die Lichter der Schiffe auf dem Bosporus. Dann rechnete er aus, wie lange er in seinem Land arbeiten müsste, um ein polnisches Gehalt zusammenzubekommen und pfiff voller Anerkennung.
Er war ein verdammt guter Kumpel, mein Yusuf. Als er kein Geld mehr hatte, schlug ihm der Hotelbesitzer vor, bei ihm die Nachtschicht zu übernehmen. Immer wenn ich in Istanbul war, schaute ich dort auf einen Kaffee vorbei.
»Istanbul ist eine seltsame Stadt«, sagte Yusuf. »Du findest hier Menschen, die ihr letztes Stück Brot mit dir teilen, und solche, die dir eine Niere heraus¬schneiden und dich dann im Graben liegen lassen.«
Er suchte nach den Ersteren, und ich hoffe, er hat sie gefunden. Vor einem Jahr schickte er mir eine E-Mail: »Ich lerne schwimmen :-)«
Ich fragte: »Fährst du weiter?« Wieder: »:-)«
Danach hörte ich nichts mehr von ihm. Eines Tages hat er das kleine Zweisternehotel, in dem er fast sieben Jahre gearbeitet hatte, einfach verlassen.

Mahmud
Zwei Tage nach dem Gespräch mit Mahmud weckt mich die Frau von der Rezeption. In der Hotelhalle wartet Abdullah, ein kleiner Gauner, der vor ein paar Tagen versucht hat, mir ein Stückchen Haschisch zu verkaufen. Er hat eine Nachricht von Mahmud: »Lass uns mittags treffen; dasselbe Café wie letztes Mal.«
Ich bin eine Viertelstunde früher da.
»Wie hoch ist die Auflage deiner Zeitung?«, fragt Mahmud.
»Eine halbe Million.«
Mahmud rechnet schnell etwas aus.
»Ich werde dir helfen«, sagt er schließlich. »Aber du musst dann auch etwas für mich tun. Was? Das wirst du schon noch erfahren. Und jetzt gehen wir die Stadt besichtigen.«
Wir trinken den Kaffee aus und machen uns auf den Weg. Wir beginnen in Eminönü – bei der Anlegestelle der Fähren, von wo aus man für eineinhalb Lira auf die andere Seite des Bosporus, nach Asien, fahren kann. Hier steht die Yeni-Cami-Moschee. Dahinter erstreckt sich ein Markt, davor ein Platz. »Die Diebe auf diesem Platz haben sich auf Reisepässe spezialisiert«, sagt Mahmud.
Dann erklärt er mir, dass der Markt für Reisepässe so launisch sei wie die türkische Börse. Noch vor fünf Jahren sei ein polnischer Pass so viel wert gewesen wie ein tadschikischer, also gar nichts. Aber dann sind die Polen der Europäischen Union und dem Schengen-Verbund beigetreten. Und heute müssen die Migranten für das Büchlein mit dem weißen Adler eintausend, mitunter sogar eineinhalbtausend Dollar bezahlen.
Am teuersten sind deutsche und italienische Pässe, sie kosten über zwei¬tausend Dollar. Gar nicht schlecht verkaufen sich iranische. Sie sind leicht erhältlich, weil der Iran ein Nachbarland der Türkei ist, und sie ermöglichen die Einreise nach Bosnien. Von dort ist es nur ein Steinwurf nach Italien, wo jeder Libyer Verwandte oder Bekannte hat.
»Da, schau!«, sagt Mahmud und zeigt mir einen grauhaarigen Mann, vom Aussehen her Amerikaner, um den sich plötzlich viele Leute scharen. »Die Kurden bilden einen Kessel«, sagt Mahmud. »Sie sind Meister darin. Sie schaffen es, dir den Pass sogar aus der Unterhose herauszuziehen.« Und obwohl der Amerikaner diesmal wahrscheinlich ohne Schaden davongekommen ist, schüttelt Mahmud trotzdem voller Bewunderung den Kopf.
Zwei Tage später versuchen zwei Kurden, auch mich zu erleichtern – aller¬dings um Bargeld. Mit Hilfe des Fotografen und der Übersetzerin bekomme ich einen der beiden zu fassen, und wir liefern ihn bei der Polizei ab. Ich verbringe einen halben Tag auf dem Kommissariat, um eine Aussage zu machen. In dieser Zeit melden sich acht Personen, deren Pässe gestohlen wurden. Die nächsten sechzehn finden sich im Büro der Touristenpolizei ein. An einem Tag verschwinden allein am Eminönü-Platz mehrere holländische, australische, deutsche sowie ein norwegischer Reisepass.
»Häufig bekommt der Dieb die Bestellung, einen bestimmten Pass zu stehlen«, erzählt einer der Polizeioffiziere. »Es kommt vor, dass er einem Touristen einen ganzen Tag oder länger hinterherläuft. Sie nennen euch ›die Passgeber‹.«
Ich frage Mahmud, was man mit einem polnischen Pass, der auf meinen Namen ausgestellt ist, machen kann.
»Meistens werden sie gefälscht; es ist leichter, eine Seite zu ändern, als einen ganzen Pass nachzumachen. Aber manchmal kauft sie jemand so, wie sie sind. Diese Leute wollen so sehr von hier wegkommen, dass sie an alles glauben. Selbst daran, dass man als Schwarzer mit dem Foto eines Weißen und dem Namen Szabłowski im Pass nach Europa einreisen kann.«

Der Schiffbrüchige
Im September 2003 spülte das Meer die Leichen von vierundzwanzig Migranten an den türkischen Strand. Höchstwahrscheinlich kamen sie aus Pakistan. Die Türken waren erschüttert über diese Tragödie auf ihrem Meer, es war die größte seit vielen Jahren.
Dabei war sie nur ein Vorbote dessen, was folgen sollte. Schon drei Monate später ertranken sechzig Menschen auf dem Weg nach Rhodos – Iraker, Afghanen und Jordanier. Unter ihnen war auch eine Frau mit ihrer zehnjährigen Tochter.
Nach dieser Katastrophe stellten manche Urlaubsorte Leute ein, die jetzt in dunkelblauen Hosen die Strände absuchen, damit die Touristen dort keine Leichen vorfinden.
Eine Fähre, die einen Tag nach dem Vorfall nach Rhodos fuhr, konnte wie durch ein Wunder einen Mann retten: Einen zwanzigjährigen Flüchtling aus dem Irak, der sich an ein Stück Holz klammerte.
Einen Monat lang führten alle türkischen Medien Interviews mit ihm. Er war auf allen Titelseiten der Zeitungen zu sehen. Nichtregierungsorganisationen schlugen sich darum, ihm eine Wohnung und Arbeit zu besorgen und Asyl für ihn zu beantragen. Sogar die anderen, die auch Leute auf Durchreise waren und selbst nicht viel hatten, sammelten Geld, um ihm zu helfen.
»Ich kenne diesen Jungen noch aus dem Irak. Allah hat ihm ein zweites Leben geschenkt«, sagt Mahmud. »Es ist, als ob ihn seine Mutter ein zweites Mal geboren hätte. Weißt du, was er mit diesem Leben gemacht hat?«
Und Mahmud führt mich durch die Gassen von Taksim, das Istanbuler Viertel der Partyszene und der roten Laternen. In einer kleinen Straße, wo sich Transvestiten verabreden, sitzt auf der Erde ein Mann mit schütterem Haar und ein paar rötlichen Bartbüscheln. Er schaut auf den Weg, lächelt, murmelt etwas vor sich hin. An seinem Kinn klebt ein Speichelfaden.
»Du hast dich schon wieder zugedröhnt! Du hast dich, verdammte Scheiße, schon wieder zugedröhnt!«, schreit Mahmud und zerrt an dem Jungen. Er schaut zu mir, dann wieder zu ihm. »Er hat es nicht ausgehalten«, sagt Mahmud. »Nicht ausgehalten«, wiederholt er, und erst nach einem Moment lässt er den Pullover des Jungen los, dem Allah ein zweites Leben geschenkt hat.
Ich konnte nicht überprüfen, ob das wirklich der gerettete Junge war. Sicher ist nur, dass Mahmud nach diesem Wutausbruch lange brauchte, um sich wieder zu beruhigen.

Die Surfer
Nachdem die Migranten das Fegefeuer von Istanbul durchschritten haben, brechen sie in Richtung Meer auf. Versteckt in Lastwagen oder zwischen Kisten auf offenen Ladeflächen von Transportern gelangen sie nach Basmane, einen Stadtteil von Izmir.
Ihre Route kreuzt wieder die der Touristen: Izmir ist das türkische Los Angeles. Es gibt hier einen wunderschönen Hafen, ein altes Schloss, hervor¬ragendes Essen und günstige Hotels. Unseres heißt Şükran. Bereits an der Türschwelle treffen wir drei Afrikaner. Während sie aus einer Sonnenblume die Kerne pulen, starren sie gebannt auf den Wetterkanal, als ob das Wetter allein vom Zuschauen besser werden könnte.
Der Basar in Basmane ist wahrscheinlich der einzige auf der Welt, auf dem erst gegen Mitternacht alles in Gang kommt. Hier werden Bananen, Orangen, Melonen, frisches Brot, Wurst, hartgekochte Eier, Schokolade und Energydrinks verkauft. Ein paar Geschäfte bieten sogar Seile, Taschenmesser und Schwimmwesten an. Alles, was man während der Überfahrt brauchen könnte.
Hier wimmelt es von Leuten. Sie feilschen, lachen, stopfen etwas in ihre kleinen Rucksäcke (wie bei Fluggesellschaften sind die Übergepäckpreise der Schlepper ganz schön gesalzen. Ohne Zuzahlung darf nur ein kleiner Rucksack mitgenommen werden).
Um die Ecke: ein Internetcafé und günstige Telefongespräche. Burkina Faso – ein Euro die Minute. Afghanistan – achtzig Cent. Syrien – sechzig. Immer wieder eilt jemand hinein, um seiner Familie zu erzählen, dass er schon in Izmir sei. Nur noch eine kurze Überfahrt mit dem Boot, und schon werde er in Europa sein, von dem er so lange geträumt hat.
Fünfzig Kilometer von Basmane entfernt liegt Çeşme – der letzte Hafen vor der EU-Grenze. Während der Saison ist der Ort ein Paradies für Windsurfer. Wenn der Wind von Griechenland her weht, werfen sie ihre Bretter aufs Wasser und reiten auf den Wellen. Der Wind aus Griechenland kommt die Berge herunter und kann ganz schön stark sein. Wenn er weht, warten die Menschen, die auf der Durchreise sind. Ein Boot muss einen guten Motor haben, um es mit dem Wind aufnehmen zu können. Aber so ein Boot kostet mehr. Die Menschen auf Durchreise haben also Zeit, ihre Familien anzurufen, Schokolade zu kaufen, mit den Kumpels zu schwatzen, Sonnenblumenkerne zu pulen.
Bis der ersehnte Landwind kommt. Dann gehen die Surfer in die Bar, in die Disco oder sie besuchen das antike Ephesos.
An den Stränden fahren Autos vor. Dort, wo sich während des Tages die Surfer austoben, starten jetzt die Schlepperboote.
Die Migranten, mit denen ich in Izmir gesprochen habe, erinnerten sich daran, dass häufig Discomusik zu hören war.
Malcolm aus Eritrea: »Ich konnte nicht glauben, dass sie dort feierten. Mir kam der Gedanke: Vielleicht sterbe ich gleich, und die machen Disco! Aber später hab ich verstanden, dass das gut war. Der Motor brummte sehr laut. Wenn nicht die Disco gewesen wäre, hätte uns jeder hören können.«


Die Moschee
In Basmane will ich nicht ins Auge fallen. Ich setze mich auf die Straße und tue so, als ob ich schlafen und mich alles ringsum nichts angehen würde. Vielleicht halten mich die Leute für einen Junkie, vielleicht für einen von denen, die auf Durchreise sind. »Hauptsache sie halten mich nicht für einen Journalisten«, denke ich und tarne mich, so gut ich kann.
Völlig unnötig. Die Schlepper führen ihr Geschäft ganz offen. Heute weht der Wind in die richtige Richtung, und aus den kleinen, billigen Hotels kommen immer wieder dunkle Gestalten heraus, die dann in Taxis, Vans und sogar in Wagen mit der Aufschrift »Möbel« steigen. Alle paar Minuten fährt ein Polizeiauto vorbei, aber die Polizisten gehen nicht einmal vom Gas.
Die Hotels hier haben Namen wie: Europa, Schöne Reise, Freund, Traum. An jeder Eingangstür hängt ein nazarlık – ein blaues Amulett mit einem schwarzen Auge, das die Reisenden vor einem schlimmen Schicksal schützen soll.
An der Ecke haben die Hotelbesitzer eine kleine Moschee eingerichtet. Man kann zu jeder Zeit hingehen, um sich vor der Reise Allah in Erinnerung zu rufen.
Hinter der Moschee: der nächste Punkt, wo man telefonieren kann. Ich spreche zwei Jungs aus Nigeria an. Omar und Nnamdi sind um die zwanzig Jahre alt.
»Wir fahren in zwei Stunden, wenn die ersten Wagen zurückkommen. Ich habe Mutter angerufen, um es ihr zu sagen.« Omar freut sich.
»Ob wir Angst haben? Bruder, Gott ist groß, alles wird so, wie er es be¬stimmt«, sagt Nnamdi und klopft mir auf die Schulter. Dann rennen sie zum Basar, um die letzten Einkäufe zu machen.
Einen Moment lang bleibe ich vor einem Geschäft mit frischem Gebäck stehen.
»Fährst du auch?«, fragt mich der Verkäufer.
»Nein, heute nicht«, antworte ich.
»Wenn du eine Fahrkarte kaufen willst, kannst du zu mir kommen«, sagt er und zwinkert mir zu.

Kaçakçı
Im Herbst und Winter senken die Hotels und Restaurants an der Küste ihre Preise um dreißig Prozent. Logisch: schlechteres Wetter, man kann nicht schwimmen gehen. Dafür gibt es Stille und eine herrliche Natur.
Kaçakçı, das heißt die Schlepper nehmen auch dreißig Prozent weniger. Logisch: Wenn man ins Wasser fällt, kühlt der Körper viel schneller aus als im Sommer. Man stirbt sofort. Aber es gibt auch Vorteile: Im Winter kontrollieren die Griechen die Küsten nicht so streng.
»Früher schmuggelten die kaçakçı Zigaretten, Alkohol und andere Sachen«, lese ich in einer Arbeit von Professor Içduyğu, einem hervorragenden Spezi¬alisten in Sachen Emigration. »Jetzt sind sie auf Menschen umgestiegen. Hier gibt es keine große Mafia mit einem Paten an der Spitze. Die Struktur ähnelt eher al-Qaida; viele kleine Gruppen, die zusammenarbeiten, aber voneinander unabhängig sind. Trotzdem sind sie in der Lage, von Kabul bis London eine lückenlose Schmuggelroute zu organisieren.«
Der Professor hat eine Umfrage unter Schleppern durchgeführt, die im Gefängnis sitzen. Laut seinen Untersuchungen, sind sie alle der Meinung, nichts Schändliches getan zu haben. Mehr noch: Sie glauben, dass sie den Menschen sehr helfen und ihre Arbeit eine Art Mission sei.
In den kleinen Ortschaften wissen die Leute, wer ein kaçakçı ist. Die Fischer in Ayvalık, einem bezaubernden alten Hafen unweit der antiken Stadt Pergamon, zeigen mir einen. Sie nennen ihn Ahmet Baba – Vater Ahmet. Klein, in einem zu großen Mantel und mit Kippe, die an seinen grauen Lippen klebt, ähnelt er einer Gestalt aus einem Zeichentrickfilm. Er kommt zum Hafen, um Fisch zu kaufen. Zwei Stiernacken schleichen direkt hinter ihm her, sie sehen aus wie Usbeken oder Tadschiken.
Ahmet Baba arbeitet für Kurbağa – den Frosch. Kurbağa und seine Leute haben das Monopol auf den Schmuggel mit Menschen aus der Umgebung von Ayvalık, die nach Lesbos gebracht werden. Während der Saison gibt es keinen Tag, an dem ihre Boote aus den umliegenden Dörfern nicht aufs Meer fahren würden.
»Wenn der Wind gut ist, hört man morgens ständig: brumm, brumm, brumm, brumm«, sagt Ismail, ein Fischer aus Ayvalık. »Das sind die Motoren ihrer Boote. Dann sagt man bei uns: Kurbağa geldi, das heißt: Der Frosch ist vorbeigezogen.«
Ahmed Baba macht den Eindruck eines guten Onkels. Er begrüßt gönnerhaft die Runde mit Abklatschen, alte Bekannte küsst er auf beide Wangen. Er geht an mir vorbei, fast berühren sich unsere Schultern, und lächelt freundlich wie ein Mensch, der glücklich ist und anderen auch Gutes wünscht.
Er weiß, dass ich nach Informationen über kaçakçı suche. Er muss es wissen. Ich bin schon den dritten Tag in Ayvalık, und Ahmet Baba weiß alles. Trotzdem spricht er mich freundlich an:
»Sie sind Tourist?«
»Ja«, schwindele ich. »Und Sie?«
»Ich? Ich bin nur so ein hiesige Sonderling«, antwortet. Ahmet Baba lacht und geht wieder. Die Stiernacken lachen auch, und ihre großen Bäuche beben.

Die Fischer
Im September 2008 schickte Ahmet Baba von Behramkale aus ein paar Schlauchboote los. Vom hiesigen Hafen bis zum griechischen Ufer sind es nur fünf Kilometer Luftlinie.
347 v. Chr. hieß der Ort Assos. Nachdem Aristoteles in der berühmten Akademie von Athen nicht zum Nachfolger Platons gewählt wurde, versuchte er, hier seine zerrütteten Nerven zu heilen. Er segelte von Behramkale nach Lesbos, um dort die Fauna und Flora der Insel zu erforschen.
Ahmets Boote fuhren auch nach Lesbos, und sie starteten nicht einmal einen Kilometer von dem Hafen entfernt, wo Aristoteles seine Reise angetreten hatte. Alles verlief reibungslos, bis gegen zwei Uhr nachts ein Boot des griechischen Grenzschutzes auftauchte.
Vom Strand bei Behramkale sieht man alles wie auf dem Präsentierteller, also nahm Ahmet Baba die Beine in die Hand. Auf dem Meer aber schaukelten, klein wie Nussschalen, vier Schlauchboote, die sich bereits auf den griechischen Territorialgewässern befanden. Und darin achtundreißig Personen.
Die Griechen waren aggressiv, mit ihrem Motorboot verursachten sie starke Wellen. Eins der Schlauchboote kippte um, und die Menschen fielen ins Meer. Die Grenzer schossen in die Luft, um ihnen Angst zu machen.
Dann warfen sie Seile aus und zogen die vier kleinen Boote wieder in türkische Gewässer. Sie nahmen den Flüchtlingen die Paddel und die Motoren weg und überließen sie der Strömung, was für die Menschen den Tod bedeuten konnte.
»Hols der Teufel«, flucht Ismail, ein Fischer aus Ayvalık. Er ist einer der wenigen, die hier ein größeres Boot besitzen, mit dem man zum Thunfischfang rausfahren kann. Doch als er und sein Schwager damals zum Fischen losgefahren waren, entdeckten sie vier Schlauchboote mit um Hilfe schreienden Menschen. Die Leute hatten keine Paddel, und das Wetter wurde immer schlechter.
Die Fischer nahmen die Flüchtlinge auf und brachten sie zum türkischen Grenzschutz. Heute weiß Ismail selbst nicht mehr, ob er das Richtige getan hat.
»Zuerst wurde ich beschuldigt, dass ich den Schleppern helfen würde«, erzählt er. »Ich musste immer wieder hin und mich rechtfertigen. Am Ende sagte der Staatsanwalt: ›Ich konnte nichts finden, aber ich werde dich im Auge behalten.‹«
Die hiesigen Fischer haben den Flüchtlingen schon viele Male geholfen.
»Im Sommer gibt es fast jeden Tag irgendwelche Probleme«, sagt Ismail, und sein Partner und der Schwager stimmen zu. »Die Griechen schießen auf sie, es kommt vor, dass sie die Boote durchlöchern. Und bevor einer von uns zu fischen anfängt, fährt er erst mal zwei Stunden herum und sammelt diese Leute ein, damit sie nicht ertrinken.«
»Wir leben vom Fischfang«, ergänzt der Schwager. »Als wir die Leute rausgeholt haben, konnten wir danach zwei Wochen nicht arbeiten. Mal mussten wir wegen der Aussagen hin, dann wieder wegen der Fingerabdrücke. Wie soll ich denn helfen, wenn meine Frau den Kindern nichts mehr zu essen geben kann?«
Ismail: »Jetzt haben wir Angst, den Flüchtlingen zu helfen. Außerdem gibt es mittlerweile so viele von diesen Schlauchbooten, dass man es gar nicht schafft, jedem zu Hilfe zu kommen. Ob ich es bereue, dass ich damals geholfen habe? Verdammt ... Ja. Ich muss sagen, ich bereue es.«

Die Grenzer
Im Dezember 200 waren bei Seferihisar wurden einunddreißig Leichen entdeckt. Wie viele Personen damals ertrunken waren, weiß man nicht. Laut den drei Geretteten hatte das Boot über siebzig Migranten an Bord genommen.
Im März 2008 ertranken in der Gegend der Stadt Hatay mindestens vier Personen. Eine Woche später waren es sechs in der Nähe des Ortes Didim. Im Oktober fand die Küstenwache nicht weit von Çanakkale – in unmittelbarer Nähe des antiken Troja – siebzehn Leichen. Als ich an diesem Text arbeitete, wurden in der Nähe von Ayvalık zwei Leichen geborgen. Und die nächsten zwei in der Gegend von Bodrum.
Im November 2008 hat die New Yorker Organisation Human Rights Watch Griechenland beschuldigt, es würde Flüchtlinge unrechtmäßig zurück in die Türkei schicken. Die Türken wurden wiederum beschuldigt, dass Asylsuchende bei ihnen unter unmenschlichen Bedingungen leben müssten.
Ein Jahr zuvor hat die deutsche Stiftung Pro Asyl einen Bericht über die türkisch-griechischen Küstengebiete veröffentlicht. Der Titel lautete: The truth may be bitter, but it must be told.
Einer der Autoren war Karl Kopp. Er berichtet, dass er mit Migranten, Fischern und Aktivisten von Menschenrechtsorganisationen gesprochen hat. Es habe sich herausgestellt, dass die griechischen Grenzer die Migranten häufig schlagen, sogar auf sie schießen würden. Menschen, die in ihre Gewässer hineinfahren, schicken sie in die Türkei zurück und überlassen sie ihrem Schicksal. Gelingt es trotzdem jemandem, bis nach Griechenland zu gelangen, landet er in einem Sammelpunkt für Migranten, wo er unter sehr schlechten Bedingungen vielleicht Monate verbringen muss.


Die Attraktionen
An beiden Berichten haben junge Griechen mitgearbeitet. Das, was sie dabei erfuhren, hinterließ bei ihnen einen tiefen Eindruck.

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Dazu ein Foto wie bei einem Werbeprospekt – Strand, Palmen, ein Segelboot. Nur dass vor diesem Hintergrund keine entblößten Damen posieren, sondern ein Mann in Handschellen steht.
Solche Flugblätter haben junge Griechen an Stränden, in Bars und in Diskotheken auf den an die Türkei grenzenden Inseln verteilt.
Wir finden eins auf der Fähre von Ayvalık nach Lesbos. Die Überfahrt dauert eineinhalb Stunden. Der Kapitän erzählt uns, er würde häufig Boote mit Migranten beobachten.
»Im Sommer manchmal mehrere auf einen Schlag. Unsere Rückfahrt ist um sechs Uhr morgens. Diejenigen, die in der Nacht gestartet sind, kommen dann gerade an. Obwohl ich einmal gesehen habe, wie mir nichts, dir nichts, mitten am Tag ein Schlauchboot mit Migranten in den Haupthafen von Lesbos eingelaufen ist. Ganz schön waghalsig!«


Ikarus
Daedalus war ein genialer Erfinder. Als der Tyrann Minos ihn auf Kreta gefangen genommen hatte, machte er sich Flügel aus Vogelfedern und flog zusammen mit seinem Sohn Ikarus davon.
Die Fortsetzung der Geschichte kennen wir: Ikarus stieg zu hoch empor, das Wachs, das die Federn zusammenhielt, begann zu schmelzen und er stürzte hinunter.
Viele Jahre später hat Pieter Bruegel das Bild Landschaft mit dem Sturz des Ikarus gemalt. Ein herrliches Schiff läuft im Hafen ein, der Pflüger pflügt die Erde, der Schäfer hütet die Schafe und irgendwo in der Ferne sieht man ein Bein des ertrinkenden Ikarus und den Rest der Federn. Tadeusz Różewicz hat über dieses Bild geschrieben:

Das Abenteuer des Ikarus ist nicht ihr Abenteuer
es muss so enden
und es liegt nichts
Erschütterndes darin
dass das schöne Schiff
zu seinem Bestimmungshafen weiterzieht

Andrea, eine Bankangestellte aus Athen, hat sich die Kopie des Bildes an die Kühlschranktür gehängt. Sie sammelt auch Gedichte und Erzählungen über Ikarus. Das Gedicht von Różewicz?
»Es ist wunderschön, aber unwahr. Im global village gibt es so was wie ›nicht unser Abenteuer‹ einfach nicht.« Und dann fügt sie noch ein bisschen poetisch hinzu: »Auch heute träumen die Ikarusse davon, zu einem besseren Leben fliegen zu können. Hier, an dieser Küste zerschellen ihre Träume an den Felsen. Und der Ikarus aus der Mythologie ist ertrunken ... fünfhundert Kilometer von hier entfernt, vor der Insel Ikaria.«
Andrea ist vor zwei Jahren von Athen nach Lesbos gezogen.
»Am ersten Tag bin ich gleich losgefahren, um eine Runde zu machen.
Hinter der Stadt entdeckte ich eine Frau mit einem Säugling, der in eine Decke gewickelt war. Ich habe sie und ihre Freundin in die Stadt mitgenommen. Sie waren gerade mit einem Boot aus der Türkei gekommen und wollten im Hafen den nächsten Schlepper treffen.«
Es stellte sich heraus, dass auf Lesbos solche Frauen zum Alltag gehören. Während der Saison gibt es nicht einen Tag, an dem nicht ganze Migranten¬gruppen durch das Zentrum von Mytilini, der Hauptstadt der Insel, ziehen würden. Es sind Tausende, die hier jedes Jahr durchreisen. Auf dem hiesigen Friedhof haben schon über hundert Gräber die Aufschrift »N.N. Migrant«. Das sind diejenigen, die das Meer ans Ufer gespült hat.
»Die meisten haben bereits eine Vereinbarung für den Weitertransport«, sagt Andrea. »Doch es gibt auch solche, die nichts haben. Und solche, die in die Hände unserer Ordnungsdienste fallen.«
Um den Migranten zu helfen, gründete Andrea mit Freunden den Verein »Ikarusse.« Im Sommer, wenn die meisten Flüchtlinge versuchen, nach Griechenland zu gelangen, fahren die Helfer die Küsten ab und verteilen Decken und Kleidung, klären die Menschen über ihre Rechte auf, bieten ihnen einen Juristen an, einen Arzt oder Übersetzer.
»All das sollte ihnen unser Staat garantieren«, sagt Andrea. »Aber der Staat kümmert sich einen Dreck.«
Während wir in einer der Bars darüber reden, gehen zwei Frauen und zwei Männer direkt an uns vorbei. Sie sind ganz nass und sehen furchtbar müde aus. Eine der Frauen trägt ein Kopftuch. Der Kopf der anderen ist unbedeckt, doch sie scheint völlig abwesend zu sein, als ob sie nicht verstehen würde, wo sie sich befindet und weshalb.
»Sie sieht aus, als ob sie krank wäre oder etwas Schreckliches erlebt hätte«, sagt Andrea.
Alle vier tragen einen kleinen Rucksack bei sich. Die Männer, in Jeans und gestreiften Hemden, schauen sich unsicher um. Wir rennen hin. Andrea fragt, ob sie Hilfe brauchen.
Die Migranten sind entsetzt.
»Bitte sprechen Sie nicht mit uns. Bitte schauen Sie uns nicht an«, sagt der ältere Mann. »Zwei Stunden, und wir sind hier weg. Ich bitte die verehrte Dame und den verehrten Herrn, uns überhaupt nicht zu beachten.«

Die Schlauchboote
Keiner der Migranten, die wir kennenlernten, hat mir erlaubt, ein Foto von ihm zu machen. Der Fotograf und ich fahren am die wilden Strände bei Çeşme und Ayvalık. Dann an die Steinküste der Insel Lesbos. Kazım – der Mann, der in dunkelblauen Hosen und festen Schuhen nach Leichen sucht – verrät uns, zu welchen Stränden er mit seinen Kollegen nicht fährt. Wir fahren sie alle ab.
An verschiedenen Stellen finden wir zerfetzte, ans Ufer gespülte Schlauch¬boote. Insgesamt fünf. Um eins der Schlauchboote – nicht weit von Çeşme – schwimmen noch Kleidungsstücke: Jacke, Mütze und Schlappen.
Wir rufen die Polizei an.
»Ach kommen Sie, wahrscheinlich hat das jemand weggeschmissen«, spielt der Beamte die Sache herunter. »Anstatt es zum Mülleimer zu tragen, werfen die Leute alles ins Meer.«
Orçur Ulusoy, ein Jurist, der den Migranten in Izmir hilft: »Selbst eine Schirmmütze, die das Meer in diesem Teil der Welt ans Ufer spült, deutet auf eine menschliche Tragödie hin. Leider meint unsere Polizei immer noch, das sei einzig das Problem der Europäischen Union.«

Was ich über euch denke
Mahmud hat Yusuf nicht gefunden. Irgendwo hörte er wohl etwas über einen Libyer, der in einem Hotel gearbeitet hatte. Doch ob es Yusuf war und was mit ihm passiert ist, das weiß er nicht.
Wieder trinken wir Kaffee, aber diesmal im Elektrogeschäft eines Kumpels. Mahmud passt manchmal auf den Laden auf.
»Ich hab mich in böse Sachen verstrickt«, sagt er ganz überraschend zu mir. »Ich habe doch nicht studiert, um jetzt mit gestohlenen Pässen zu handeln.
Ich sollte ein geschätzter Übersetzer sein, ein Lehrer, vielleicht sogar ein Hochschullehrer. Aber als ich in deinem Alter war, kam der Krieg. Dann die Flucht. Und jetzt ist alles verloren.«
Wir schweigen eine Weile, weil ich nicht weiß, was ich auf so ein unerwartetes Geständnis antworten soll. Mahmud scheint dieses Schweigen zu reizen.
»Weißt du, dass heute die meisten Immigranten in der Türkei Iraker sind?«, fragt er schließlich. Das stimmt. Seit dem Beginn des Irakkriegs sind über fünf Millionen seiner Landsleute geflüchtet. »Polen, Engländer, Amerikaner, ihr alle seid dafür verantwortlich, dass man in meinem Land nicht mehr leben kann. Und jetzt verrammelt ihr vor uns die Türen. Ist das die berühmte Demokratie, für die ihr bei uns Werbung machen wollt?«, fragt er immer gereizter.
Ich weiß nicht so recht, was ich antworten soll. Also sitze ich ganz still da, und Mahmud beruhigt sich. Er zieht einen Zettel aus seiner Jackentasche.
»Jetzt sage ich dir, was du für mich tun kannst. Wenn du deinen Artikel schreibst, wirst du meinen Appell veröffentlichen. Er ist kurz.«
Und Mahmud liest vom Blatt ab: »Ich, Mahmud X, ehemaliger Übersetzer der amerikanischen Streitkräfte, habe eine große Bitte an Westeuropa. Schickt eine Militäreinheit hierher und kastriert uns alle. Wir haben sowieso nichts mehr, womit wir unsere Kinder ernähren könnten. Und wenn wir zu euch kommen wollen, um ehrlich zu arbeiten, schießt ihr auf uns und jagt uns weg. Kastriert uns. Das ist besser für uns und besser für euch.«

(aus dem Polnischen von Joanna Manc)
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Auzug aus P+ 14
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Michał Żak: Der große Ararat

  

 

 

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