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EINSAME UR-INSEL IM INVESTITIONSMEER

Der Białowieża-Urwald
A. Janusz Korbel


800 Kilometer östlich von Berlin, 250 Kilometer östlich von Warschau liegt Europas letzter Tiefland-Urwald. Sieben Prozent dieses Waldes sind als Weltkulturerbe eingestuft. Es ist Samstag, warm strahlt die Herbstsonne. Nach Białowieża, einem Ort mit rund 2.000 Einwohnern, sind übers Wochenende ein paar hundert Touristen aus Polen und dem Ausland gekommen. Der berühmte letzte europäische Urwald hat sie hierher gelockt. Der Wald, in dem es frei lebende Wisente, Wölfe und Luchse gibt, in dem man Vögel antreffen kann, die auf der Roten Liste gefährdeter Arten verzeichnet sind, der Wald, in dem über vierzig Meter hohe Eichen mit einem Umfang von mehr als sieben Metern wachsen und in dem die höchsten Bäume, die Fichten, über fünfzig Meter in die Höhe ragen. Die Bäume der Puszcza sind nun in Gold, Gelb und Rot getaucht. Białowieża kann in seinen großen Luxushotels und ungezählten Ferienwohnungen fast 2.000 Touristen unterbringen, das entspricht der Zahl seiner Einwohner. Die Stadt liegt in der geometrischen Mitte des größten europäischen Waldes, des Białowieża-Urwalds, der sich über eine Fläche von rund 150.000 Hektar erstreckt. Der polnische Anteil umfasst über 60.000 Hektar. Um nach Białowieża zu kommen, fährt man vom Arbeiterstädtchen Hajnówka aus 20 Kilometer auf einer Straße mitten durch die Puszcza, von der aus man Hirsche, Rehe, Wisente oder Wölfe sehen kann. Es empfiehlt sich, langsam zu fahren, innerhalb einer Woche sind auf dieser Straße zwei Wölfe von Rasern überfahren worden – zehn Prozent der gesamten Wolfspopulation der Puszcza. Autos rauschen nach Białowieża, wo die großen Hotels Konferenzen ausrichten, und weil die meisten Leute gern schnell fahren, fordern sie eine Verbreiterung der Straße. Auch die Wissenschaftler, die in Białowieża eine Forschungsstation unterhalten und die urwüchsige Natur studieren, wünschen sich eine breitere Fahrbahn und Unterführungen für die Tiere. Fortschritt muss sein.

Hier bei Białowieża verläuft die Grenze zwischen der Europäischen Union und dem Osten, in diesem Fall Belarus. Diese Grenze ist nicht nur eine Linie auf der Landkarte, sondern ein 20 Meter breiter gerodeter Streifen mit umgepflügter Erde, der zudem von einem hohen Drahtzaun gesäumt wird. Diese große Wunde im Herzen der Puszcza ist auf Satellitenaufnahmen zu sehen. Kein größeres Tier kann auf die andere Seite gelangen. Vielleicht ist das auch besser so, sonst würde der in Polen geschützte Wolf, falls er hier nicht überfahren wird, auf weißrussischer Seite als Schädling abgeschossen.

Zur Erklärung sei noch angefügt, dass in Belarus die gesamte Puszcza zum Nationalpark erklärt wurde (was aber nicht bedeutet, dass dort die Wege nicht asphaltiert wären, das für viele Tierarten unschätzbar wertvolle Totholz nicht entfernt würde oder nicht gejagt werden dürfte). Größte Attraktion des Parks ist die Residenz von Väterchen Frost. Auf polnischer Seite werden im Nationalpark zwar die natürlichen Prozesse geschützt, allerdings umfasst der Park nur 16 Prozent der Puszcza an der Grenze zu Belarus. Der Hauptteil des Waldes ist Wirtschaftswald, hier wird selbst in den Reservaten aus waldpflegerischen Erwägungen Holz geschlagen. Der Nationalpark steht unter der Leitung eines Direktors und eines wissenschaftlichen Beirates, die restlichen 84 Prozent der Puszcza werden von Forstwirten bewirtschaftet.

Ich bin an diesem Herbstsamstag morgens in meinem Garten mit der Beseitigung der Schäden beschäftigt, die Wildschweine und Hirsche verursacht haben, als sie sich nachts aus dem nahen Schutzbereich des Weltkulturerbes an mein Haus gewagt haben. Ich bin ihnen nicht böse, sie sind hungrig und kommen deshalb zu den Häusern. Gut, dass sie sich diesmal für meines entschieden haben. Vor zwei Wochen waren ein Hirsch und ein Wildschwein in einer anderen Richtung unterwegs und sind kurzerhand von zwei Förstern aus Białowieża aus einem der Ansitze abgeschossen worden, die entlang der Nationalparkgrenze aufgestellt sind. Jetzt lässt mich ein Helikoptergeräusch aufhorchen. Ist da die Grenzwacht wieder mal hinter einem her, der illegal die Unionsgrenze passiert hat? Dann sind weitere Helikopter zu hören, aber am Himmel ist nichts zu sehen. Der Lärm schwillt an und zieht durch die Puszcza, aber noch immer ist nichts zu erkennen. Erst mehrere Stunden später sehe ich die Störenfriede. An meinem Haus zieht eine Kolonne schwerer Motorräder vorbei, die an der Nationalparkgrenze entlang zu einer Lichtung mitten in der Puszcza dröhnen. Ich beginne die Motorräder zu zählen und komme auf 800! Ich habe nichts gegen Motorradfahrer, aber warum mussten sie sich für ihr Treffen ausgerechnet die Mitte des ältesten Waldes in Europa aussuchen? Sie waren sich nicht einmal bewusst, dass sie in Europa vom Aussterben bedrohte Tiere aufscheuchten. Und das war ihr gutes Recht, fuhren sie doch auf einer gewöhnlichen Straße durch einen gewöhnlichen (!) Wald. Nur eine kleine Insel, 16 Prozent der polnischen Puszcza, ist als Nationalpark ausgewiesen.

Was ist der Białowieża-Urwald? Einst stand dieser Wald auch dort, wo heute Berlin, Paris oder London liegen. Hier hat er sich gehalten, denn während er in Westeuropa aus wirtschaftlichen Gründen gerodet wurde, gab es in Litauen weder Städte noch Menschen. Der Wald stand weit vom Meer entfernt, und die Flüsse waren nicht schiffbar, daher nutzten die polnischen und litauischen Fürsten und Könige den Wald als Jagdrevier. Heute ist es der letzte Tiefland-Urwald mit Mischbeständen, der in der europäischen Tiefebene überdauert hat. Bei der ersten Erwähnung der Puszcza heißt es, der litauischstämmige polnische König Jagiełło habe im Jahre 1409 eine große Jagd in der Puszcza ausgerichtet, bei der alles getötet werden sollte, was sich nur regte, um Fleischvorräte vor einer Schlacht gegen den Deutschen Orden anzulegen. Heute bereiten sich Polen und Weißrussen auf die 600-Jahr-Feier zum Schutz der Puszcza seit 1409 vor. Dabei schreibt der amerikanische Schriftsteller Alan Weisman in seinem Buch „Die Welt ohne uns“ (2007), die Puszcza sei in ihrer gesamten Geschichte noch nie so bedroht gewesen wie heute und eine Trauerfeier wäre angemessener als die geplanten Feierlichkeiten anlässlich eines ökologisch fragwürdigen Jahrestags des großen Tötens.

Wenn ich im Nationalparkgelände unterwegs bin, sehe ich nicht nur die großen Bäume und die Tiere, sondern auch uralte Spuren menschlicher Kultur. Zahllose Hügelgräber gibt es hier, uralte Grabstätten unserer Urahnen, die vor zehn Jahrhunderten in der Puszcza lebten. Doch auch jüngere Spuren sind bemerkenswert. Von den Zeidlern, die in der Puszcza Bienen züchteten, zeugen ausgebrannte alte Kiefern und noch einige wenige Bäume mit ausgehöhlten Beuten – Bienenstöcken in Bäumen, die die Völker vor Bären schützen sollten. Nirgends sonst in Europa finden sich noch Beutenbäume in solcher Zahl. Unter diesen Bäumen halten sich majestätische Wisente auf, die aus wenigen Gattertieren gezüchtet und ausgewildert wurden und im Winter Zufütterung erhalten. Der letzte Wisent in freier Wildbahn fiel unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg einem hiesigen Wilddieb zum Opfer, im Krieg waren bereits die meisten Tiere von Soldaten erschossen worden.
Wölfen bin ich schon öfter begegnet, einem Luchs noch nie, wenngleich ich schon oft auf seine Spur gestoßen bin. Im Wald, der vom Menschen nie wesentlich verändert wurde, herrscht eine ungewöhnliche Harmonie. Alles ist hier an seinem Platz. Die Hälfte der Bäume sind Totholz – stehende oder liegende Bäume im Zersetzungsstadium. Jeder dieser scheinbar toten Bäume bietet Tieren einen Lebensraum, wie er im Wirtschaftswald nicht anzutreffen ist. In zwei Stunden hat man den Nationalpark durchquert, mehr ist nicht geblieben vom letzten echten Wald Europas! Eine winzige Insel in einem Meer, das die Ökonomie beherrscht, in dem der Profitkrieg tobt, Straßen gebaut, Investitionen getätigt, Bäume gefällt und gepflanzt werden. Auf dieser einsamen Insel regiert noch die Natur.

Im Jahre 1994 startete die Werkstatt für alle Lebewesen, einer der ersten unabhängigen ökologischen Verbände nach dem Ende des Kommunismus, eine Kampagne zur Rettung des Białowieża-Urwaldes. Renommierte Wissenschaftler schickten uns dramatische Briefe, in denen sie berichteten, dass in der Puszcza jahrhundertealte Bäume gefällt würden, dass Jäger die Hirsch- und Rehbestände dezimierten, die ihrerseits Nahrungsgrundlage für Wölfe und Luchse sind. Auf unseren Appell hin meldeten sich Menschen aus aller Welt. Wir transportierten den Stumpf einer über 300 Jahre alten gefällten Eiche vor das Parlamentsgebäude. Nach einiger Zeit erweiterte die polnische Regierung unter internationalem Druck die Fläche des Nationalparks von sieben Prozent auf den heutigen Stand von 16 Prozent. Das Habitat der meisten Tiere ist aber größer als diese geschützten 16 Prozent. Die Umgebung beeinflusst unweigerlich die Abläufe innerhalb des kleinen Parks, dessen Größe in etwa der eines Pariser Flughafens entspricht. Für die Förster ist die Forstwirtschaft lukrativer als die Arbeit im Nationalpark, deshalb sind sie mehrheitlich gegen den Park und für die forstwirtschaftliche Nutzung der Puszcza. Sie wissen die Jäger, die hier jagen wollen wie einst die litauischen Fürsten, die polnischen Könige und die russischen Zaren, genauso auf ihrer Seite wie die lokale Bevölkerung, der von parteiischen Lokalpolitikern eingeredet wird, bei einer Ausweitung des Nationalparks wären sie in einem Reservat eingesperrt wie die Indianer. Unlängst hat der Europarat das Europäische Diplom für geschützte Gebiete, das er dem Nationalpark verliehen hatte, ausgesetzt. Zur Begründung hieß es, es gebe kein langfristiges Konzept zum Schutz des Waldes, außerdem zerstöre die in der Puszcza außerhalb des Nationalparks betriebene Forstwirtschaft den urtümlichen Charakter des Waldes.

Im September 2008 ging durch alle polnischen Medien die Sensationsmeldung, dass im Białowieża-Urwald ein riesiges Kraftstoffdepot des russischen Ölgiganten Lukoil gebaut werden soll. Ein Journalist einer großen Tageszeitung hatte herausgefunden, dass vor drei Jahren 25 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche in unmittelbarer Nähe der Puszcza an Strohmänner verkauft wurden, die von Lukoil angesetzt worden waren. Die betroffene Gemeinde versuchte schnell, die landwirtschaftliche Nutzfläche im Flächennutzungsplan als Industriegebiet auszuweisen. Ich telefoniere mit einem Bekannten, der in dem kleinen Dorf lebt, wo das Depot entstehen soll. Er erzählt mir, er sehe gerade eine Wisentherde mit 47 Tieren. „Sie stehen genau da, wo die große Industrieanlage hin soll“, sagt er. Einige Tage darauf zeigt mir ein Freund vom Mammal Research Institute in Białowieża eine Karte zum Vorkommen des Luchses, einer besonders stark bedrohten Art. Einige Luchse sind mit Peilsendern ausgestattet, und die Wissenschaftler markieren auf der Karte, wo sie die Funksignale orten. Die meisten Markierungen liegen im Bereich des geplanten Depots.

Für manche Forscher liegt die Besonderheit der Puszcza nicht in großen Bäumen, Wisenten, Luchsen, Wölfen, Elchen oder Spechten. Sie interessieren sich für unscheinbare Insekten im Totholz, die der gewöhnliche Tourist gar nicht bemerkt. Für die Förster sind es lediglich Schädlinge, die die Holzqualität mindern, dabei sind sie schon länger auf der Erde heimisch als alle Förster, ja länger als der Mensch überhaupt. Und wenn wir auf dieser Fläche, die 0,01 Prozent von Europa ausmacht, natürliche Prozesse bestaunen wollen, dann müssen wir auch diese Insekten akzeptieren. Jede Spezies erfüllt hier ihre Funktion. Heute sind viele Arten nur noch in den ältesten Teilen der ursprünglichen Puszcza anzutreffen. In gewöhnlichen Wäldern sind sie längst ausgerottet. Adam Bohdan, der in einer ökologischen NGO aktiv ist, führt Untersuchungen an Bäumen durch, die im bewirtschafteten Teil der Puszcza gefällt wurden. Er sagt: „[...] nach Ahorn und Buche sind jetzt über hundertjährige Eschen gefällt worden. Wie viele vergleichbare Fälle unbekannt bleiben, mag man sich gar nicht vorstellen, das Fällungsverbot für über hundertjährige Bäume im bewirtschafteten Teil der Puszcza besteht nur auf dem Papier. Die vor einigen Tagen gefällte über hundertjährige Esche war zudem von Larven des Juchtenkäfers bewohnt, einer sowohl durch europäisches, als auch durch polnisches Recht streng geschützten Art. Sie kommt in Verbindung mit alten, vermodernden Bäumen vor. [...] das [ist] kein Einzelfall, eine Reihe anderer Käferarten wie der Scharlachrote Plattkäfer (Cucujus cinnaberinus) oder Boros schneideri, für die eine EU-Richtlinie die Schaffung von Schutzzonen vorschreibt, wandern mit den gefällten Bäumen geradewegs ins Sägewerk. Der Białowieża-Urwald ist eines der letzten Refugien für diese Arten.“

Vor zwölf Jahren, als der Eichenstumpf vor dem Parlamentsgebäude lag, appellierte das internationale Bündnis BISON (Bialowieza International Solidarity Network) an den polnischen Präsidenten, die Puszcza zu retten und sie komplett zum Nationalpark zu erklären. Ein Tag der Solidarität mit der Puszcza fand viel Beachtung, und der Präsident setzte im Jahre 2006 eine Sonderkommission zur Rettung des Natur- und Kulturerbes ein (in der Region treffen mehrere Kulturen aufeinander, russisch-orthodoxe und katholische, russinische und polnische). Als Reaktion auf die BISON-Initiative beauftragte der Umweltminister gemeinsam mit der staatlichen Forstgesellschaft Lasy Państwowe eine Gruppe von Forstwirten damit, die aktuelle Forstwirtschaft stärker an ökologischen Kriterien auszurichten. Damit wurde also nicht wie erhofft der gesamte Wald unter Schutz gestellt, sondern im Gegenteil die bisherige administrative Teilung der Puszcza zementiert. Die Investitionswellen branden immer heftiger gegen die letzte Urwald-Insel Europas. Noch kann ich hier die Rufe der Adlerjungen und das Heulen der Wölfe hören, aber das Knattern der Motorräder und das bedrohliche Grummeln der Baufahrzeuge nimmt zu.

(Aus dem Polnischen von Thomas Weiler)
 


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