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ENTSETZEN UND BEWUNDERUNG

– DIE POLNISCHEN 007
Tarik Gül

Wo soll Europa enden? Darf die Türkei noch mit hinein? Statt diese Frage theoretisch zu diskutieren, kann man auch einfach Geschichten dazu erzählen.

Es war einmal – vor gar nicht langer Zeit, sieben bis acht Menschenleben ist’s her – da grenzte das heutige EU-Mitglied Polen im Süden unmittelbar an das militärisch expandierende Osmanische Reich. Schon drangen die Türken in die ungarische Tiefebene vor und bedrohten das Heilige Römische Reich. Im Steppenland der heutigen Ukraine bekämpften sich die Republik Polen-Litauen und die Hohe Pforte. 1672 eroberte die türkische Armee die polnische Grenzfestung Kamieniec Podolski. Polen wurde tributpflichtig und musste die Wojewodschaften in der Ukraine an das Osmanische Reich abtreten.

Aber wie man das heute auch kennt – der polnische Sejm machte nicht mit. Er hielt den Vertrag für "schändlich" und ratifizierte ihn nicht. Daraufhin zog Jan III. Sobieski erneut los und besiegte das türkische Heer 1673 bei Chocim. Aber erst der türkische Feldzug gegen den habsburgischen Teil Ungarns und die unmittelbare Bedrohung Wiens brachten die Bemühungen der polnischen Diplomatie um eine anti-türkische Koalition zum Erfolg. Kaiser Leopold I. bat Jan III. Sobieski um Hilfe, als der türkische Wesir Kara Mustafa im Juni 1683 Wien belagerte. Mit einer 25.000 Mann starken polnischen Armee eilte dieser durch Schlesien und Mähren herbei. Am 12. September 1683 schlug die vereinigte Armee des Reiches und Polens mit etwa 70.000 Mann unter Führung Jan III. Sobieskis die Türken vor Wien. Siegentscheidend war der Angriff der Husaren, der schweren polnischen Reiterei. Mit etwa 20.000 Berittenen war dies eine der größten Reiterattacken der Neuzeit.

Wiens Entsatz war der Beginn eines langjährigen Krieges. 1684 gründeten Venedig und der Kirchenstaat mit Polen und dem Reich den "Heiligen Bund". Die europäischen Gebiete wurden von türkischer Besatzung befreit. Erst der nach dem Tod von Jan III. Sobieski geschlossene Friedensvertrag von Karlowitz (1699) beendete den Krieg mit dem Osmanischen Reich. Die große Auseinandersetzung zwischen der islamischen und der christlichen Welt fand in dieser Region ein Ende.


Entsetzen und Bewunderung

Tapferkeit und Intelligenz polnischer Soldaten wurden zu allen Zeiten gerühmt.
1812 zogen die Polen mit Napoleon begeistert gegen Russland. Sie erhofften sich die Wiederherstellung ihres Vaterlandes. Zahlreich sind die Schilderungen ihres Wagemutes. Als Napoleon bei seinem Vormarsch auf eine von Kosaken zerstörte Brücke stieß, befahl er einer Schwadron seiner polnischen Garde, sich in den Fluss Wilia zu werfen. "...und diese auserlesenen Soldaten gehorchen ohne Zaudern. [...] so erreichten sie schwimmend bald die Mitte des Flusses, hier aber wurden sie von der Gewalt des Stromes ergriffen; die Pferde, dadurch scheu gemacht, kommen von der Bahn ab und treiben mit dem Strome fort, ohne zu schwimmen; ihre Reiter wehren sich um ihr Leben, so gut sie können, aber sie mühen sich vergebens ab und ergeben sich, von ihrer Kraft verlassen, in ihr Schicksal. Ihr Untergang ist unvermeidlich, aber sie haben sich ihrem Vaterlande, vor dessen Augen und für dessen Befreier, geopfert. Im Augenblick von den Wellen verschlungen zu werden, blicken sie zu Napoleon auf unter dem Ruf: Es lebe der Kaiser! [...] Die Armee war von Entsetzen und Bewunderung ergriffen."

Ebenso ausgeprägt wie der Mut war die zweite Qualität: Intelligence heißt ja auch Aufklärung, Information. Erstaunlich, wie oft es polnischen Kryptologen gelang, durch ihre Fremdsprachenkenntnisse und mathematischen Fähigkeiten direkt Einfluss auf militärische Entwicklungen zu nehmen.

Der polnische Mathematiker, Kryptologe und Linguist Jan Kowalewski, geboren 1892 in Łódź, wurde im I. Weltkrieg in die russische Armee eingezogen. Dort lernte er soviel über die Methoden der russischen Funk- und Ingenieurstreitkräfte, dass ihm 1920 im polnisch-sowjetischen Krieg die Entschlüsselung der sowjetischen Funksprüche gelang. Dies verschaffte dem polnischen Oberbefehlshaber Józef Piłsudski einen entscheidenden Informationsvorsprung und ermöglichte den Sieg. Im II. Weltkrieg konnte die deutsche Chiffriermaschine Enigma von den Briten nur dank der überragenden Kenntnisse polnischer Mathematiker geknackt werden.

Auch 1683 vor Wien war es ein Pole, der die von den Türken belagerte Stadt mit lebenswichtigen Informationen versorgte und zum Durchhalten ermutigte. Jerzy Franciszek Kulczycki, 1640 als Adliger vom Wappen der Sas bei Sambor geboren, kannte die Kultur der südlichen Nachbarn schon als Jugendlicher und hatte Türkisch und Ungarisch gelernt. In türkischen Kleidern konnte er sich deshalb bei seiner gewagten Expedition sogar im osmanischen Heerlager zu einem Kaffee einladen lassen, ohne erkannt zu werden. Von Herzog Karl V. von Lothringen brachte er die Nachricht mit, dass der Entsatz der Stadt kurz bevorstand. Kulczycki wurde für seine Dienste reich belohnt, bekam ein Haus in der Leopoldstadt und durfte die Kriegsbeute von 300 Säcken türkischen Kaffees behalten. Damit gründete er das erste Kaffeehaus in Wien. Der österreichische Kanzler Bruno Kreisky erwähnte bei der Begrüßung des Premiers Piotr Jaroszewicz in Wien am 30. September 1974 die historischen polnisch-österreichischen Kontakte und Kulczycki und König Sobieski - in dieser Reihenfolge.

Das alte Europa, der satte Westen, übersieht diese historischen Verdienste Polens gern. Es versteht nicht, dass dieses Land, das 123 Jahre als Staat nicht existent war, seine nationale Identität nur dadurch bewahren konnte, dass es in langen historischen Zeiträumen denkt. Brüssel ärgert sich über die Widerborstigkeit der polnischen Regierung. Manchmal ist der Ärger berechtigt. Aber längst nicht alles ist gut, nur weil es wie geschmiert durch die Brüsseler Bürokratie läuft. Widerständigkeit ist eine Tradition der polnischen Adelsrepublik. Die Hochachtung vor den persönlichen Rechten des Einzelnen - allerdings nur dem Adel - lag schon der sogenannten "Goldenen Freiheit" zugrunde.

Ist es da ein Wunder, dass Polen sich gern auf die Taten seiner heimlichen Helden besinnt? Der Warschauer Journalist Jerzy Tuszewski hat ein spannendes Buch über die schillernde Gestalt des Doppelagenten Roman Czerniawski geschrieben. Der polnische Pilot und Oberst wurde nach der Septemberniederlage 1939 über Rumänien nach Frankreich evakuiert und arbeitete für den britischen Geheimdienst. Als sein Netz aufflog, bot er der deutschen Abwehr Mitarbeiter an, um seine Leute zu retten. Bald darauf offenbarte er sich aber der britischen Botschaft in Madrid und sorgte nun dafür, dass die Deutschen mit sehr glaubwürdigen, aber falschen Informationen über Ort und Zeit der alliierten Invasion in Frankreich versorgt wurden.

Auch Jerzy Franciszek Kulczycki findet inzwischen gebührende Würdigung. Das Buch des bekannten Drehbuchautors Cezary Harasimowicz über die "Verteidigung Europas" am Kahlenberg steht auf den Bestsellerlisten. Die Idee dazu kam von dem erfolgreichen Geschäftsmann Mariusz Białek, der lange in Wien gelebt hat. Dieser historische Stoff hat alle Qualitäten zu einem großen Filmerfolg. Für die Hauptrolle ist Mel Gibson angefragt.

All diese Geschichten sollte man sich vielleicht erst einmal anhören, wenn man sich ein Bild von den Ursprüngen Europas und der Rolle Polens darin machen will. Ohne die Kenntnis dieses historischen Raumes greift jedes Urteil über die aktuelle Tagespolitik zu kurz.

Jan Matejkos Gemälde "Sobieski vor Wien" hängt heute im Vatikan. Władysław Graf Sas Kulczycki sagte bei der Übergabe an Papst Leo XIII: "Der Entsatz von Wien war der letzte wahrhaft christliche Akt der neuzeitlichen Politik. Polen begründete damals das Prinzip der Solidarität und der Brüderlichkeit aller zivilisierten Völker."



 


Auzug aus P+ 14
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