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GESCHICHTEN ÜBER DEN GANZ NORMALEN WAHNSINN

Film in Tschechien
Ulrike Hoinkis


Zwei erwachsene Männer, die versuchen, im Huckepack mit einer Gabel die Größe eines Grizzlybärs in die Wohnzimmerdecke zu ritzen. Eine Imkerei auf dem Balkon. Eine zwanzigköpfige japanische Reisegruppe zu Besuch bei einem Familienabend¬essen. Václav Havel, der sich darüber beschwert, dass sein Rednerpult hässlich ist. Ein unglückliches, weil gegrilltes Kamel. Ein 60-jähriger frustrierter Lehrer, der sich als Fahrradkurier versucht. Ein kleiner, blauer, mit den Ohren flatternder Dostojewski-Monchichi.

Eigentlich sollte man meinen, die goldenen Zeiten des tschechischen (bzw. tschechoslowakischen) Films seien längst vorüber. Vorbei die Zeiten, als Tschechen Oscars bekamen (der letzte, der einem spontan einfällt, ging 1997 an Jan und Zdeněk Svěráks Kolya). Vorbei die Zeiten, als der tschechische Trickfilm weltberühmt war. Vorbei die Zeiten, als die tschechischen Kinos mehr als 50 Millionen Besucher jährlich mit Musical-Parodien wie Limonaden-Joe, Komödien wie Horoskop aus dem Computer und Kurzgeschnitten oder auch Filmen wie Heimat, süße Heimat unterhielten.
Wenn man jedoch genauer hinsieht, fällt einem auf, dass nach einigen Jahren der Ruhe, in denen jeweils höchstens zwanzig neue Werke das Licht der Welt erblickten, zum einen inzwischen jährlich mehr als 40 Filme gedreht werden, die ja nicht grundsätzlich alle schlecht sein können, und zum anderen einige Namen immer wieder auftauchen. Wenn man von international erfolgreichen Filmen wie Svěráks Leergut (2007), Moráveks Sex in Brno (2003) oder Hřebejks Wir müssen zusammenhalten (2000) absieht, bleibt immer noch die eine oder andere Perle, die es vermutlich deswegen nicht auf die internationalen Leinwände schaffte, weil sie „zu tschechisch“ ist.

Ein gutes Beispiel hierfür sind die tschechischen Komödien. Davon gibt es zwei Arten: solche, über die man nicht lachen kann, weil sie (nach amerikanischem Vorbild) furchtbar sind, und solche, über die man nicht lachen kann, weil sie gut sind. Durchweg lustige Komödien „zum Abschalten“ gibt es kaum. Dass eine Komödie ein Happyend haben muss, ist auch eine Regel, die nur im Rest der Welt gilt. In Tschechien lacht das eine Auge, das andere weint – mit langer Tradition, die nicht erst bei Jiří Menzels oscargekröntem Liebe nach Fahrplan (1966) begann und von modernen Autoren und Regisseuren wie Jan Hřebejk, Petr Zelenka und David Ondříček fortgesetzt wird.
Ondříčeks Einzelgänger (2000) ist der Kultfilm der heutigen Anfang-Dreißiger und wurde zur Stilvorlage für eine ganze Generation tschechischer Regisseure und Drehbuchautoren, die man in Zelenkas Geschichten des alltäglichen Wahnsinns (2005), Sex in Brno, Hřebejks Hals über Kopf (2004) oder Ondříčeks Eine Hand allein klatscht nicht (2003) wiederfindet. Schon die Charaktere der Einzelgänger klingen eher tragisch als komisch: Vier Menschen in zwei kaputten Beziehungen, nämlich eine zerbrechliche mazedonische Bartenderin, die ihren Vater sucht, ein Stalker, ein kaltherziger Manipulant und ein Marihuanagenießer mit entsprechend schlechtem Gedächtnis versuchen, sich selbst zu finden. Dabei kreuzen sich ihre Wege immer wieder.
Auch in Micháleks Von Eltern und Kindern (2008) verbinden sich kleine Geschichten zu einer mal komischen, mal melancholisch-absurden Studie über zwischenmenschliche Beziehungen. Wie so oft weiß man nie so richtig, ob man lachen oder weinen, peinlich berührt wegsehen oder doch einfach nur Mitleid haben soll.

Der unerfüllte Wunsch nach Happyends mag auch der Grund dafür sein, dass in Tschechien so viele Märchen und Kinderfilme produziert werden. Wenn man sich sicher sein will, dass am Ende alles gut wird, wenn man Kurzweil und Unterhaltung sucht, sieht man sich Kassenschlager wie Das schönste Rätsel (2008) von Zdeněk Troška, Engel des Herrn (2005) von Jiří Strach oder Wie man Krokodile zähmt (2006) von Marie Poledňáková an (und schämt sich nicht einmal dafür). Auch 30 Jahre nach Klassikern wie Drei Haselnüsse für Aschenbrödel sind Märchenfilme Publikumsgaranten, die mit viel Liebe zum Detail gemacht sind und vor denen auch „seriöse“ Schauspieler wie Ivan Trojan und Eva Holubová nicht zurückschrecken.
Ebenfalls auf eine ruhmreiche Tradition blicken die tschechischen Zeichentrick-, Animations- und Puppenfilme zurück. Lange schien es jedoch, als wären deren gute Tage gezählt. Zwar waren altbekannte Größen wie Jan Švankmajer (Faust, Der kleine Otík) auch weiterhin produktiv, aber erst „neue Klassiker“ wie die bisher dreiteilige Fimfárum-Reihe, die wie so viele tschechische und tschechoslowakische Trick- und Puppenfilme auf einer literarischen Vorlage basiert, oder Jan Balejs Eine Nacht in einer Stadt (2007) holten sich die Aufmerksamkeit des Publikums zurück.

Gleichzeitig wurden inzwischen auch viele Klassiker „für Erwachsene“, an die sich früher niemand herantraute, verfilmt. Hierzu zählt zum Beispiel Bohumil Hrabals Ich habe den englischen König bedient (2006), der nach über 20 Jahren Planung von Jiří Menzel mit Oldřich Kaiser und Julia Jentsch in den Hauptrollen sehr umstritten umgesetzt und im Ausland durchaus positiv aufgenommen wurde. Menzel machte aus der Vorlage einen melancholischen, jedoch manchmal für das tschechische Gemüt zu kritischen Film, in dem die Hauptfigur Jan Dítě seinen Lebensweg als Kellner, Millionär und schließlich Bauarbeiter sowie seinen hoffnungslosen Kampf um Anerkennung (je nach Lebenslage als Kellner, Hotelier oder Arier) beschreibt.
Der Blumenstrauß (2000) und Mai (2008) greifen auf dichterische Werke des 19. Jahrhunderts zurück. Wer allerdings hier die literarischen Vorlagen nicht gelesen hat, wird kaum der Handlung folgen können, sondern muss sich mit den bildlich fantastisch umgesetzten Aufnahmen zufrieden geben.
Im Gegensatz dazu blickt Želary wehmütig-nostalgisch, aber verständlich auf eine klassische, eindrucksvoll verfilmte Liebesgeschichte während des 2. Weltkriegs zurück, die immerhin 2004 für den Oscar nominiert wurde, wohl aber wegen des hohen Kitschgehaltes leer ausging.
In den letzten zwei, drei Jahren scheint die tschechische Kinoproduktion auch den Mut gefunden zu haben, sich ernsthafter mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Statt einer persönlichen, nostalgischen Vergangenheit, wie sie in Svěráks Volksschule (1991) zu sehen war, wird das Politische in den Vordergrund gerückt, aufgearbeitet, verarbeitet und neu gedeutet. Marek Najbrts Protektor (2009) beschreibt die Problematik der Kollaboration während des zweiten Weltkriegs vor dem Hintergrund eines Liebesschicksals, 3 Saisons in der Hölle (2009) wiederum das Leben nach dem Krieg, vor und während der kommunistischen Machtübernahme. Petr Nikolaevs Schwarzweiß-Film ... und es kommt noch schlimmer (2007) zeigt ein Stück alternativer Kultur in der ČSSR und porträtiert eine asoziale, unangepasste Jugend, die mit Sex & Drugs & Rock’n’Roll von der Freiheit im Westen träumt. Auch Jan Hřebejks neuester, für ihn untypischer Film Die Kawasaki-Rose (2009) beschäftigt sich mit der Thematik der Kollaboration, hier mit dem tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienst.

Eher ungewöhnlich ist der Erfolg von Dokumentarfilmen in Spielfilmlänge, und zwar nicht nur im tschechischen Fernsehen – allein 2008 liefen zwölf davon im Kino. Bürger Havel (2008) über die kleinen und großen, politischen und privaten Dramen des „Menschen hinter dem Präsidenten Václav Havel“ landete in der – tschechische und ausländische Produktionen umfassenden – Gesamtwertung des Jahres 2009 mit 160.000 Besuchern auf einem beeindruckenden 23. Platz und war auch auf der Berlinale und auf arte zu sehen.
Das Leben von Durchschnittsbürgern aus der Mitte und vom Rande der Gesellschaft zeigen die Filme von Helena Třeštíková, die ihre Protagonisten über lange Zeiträume hinweg begleitet. Tschechischer Traum (2004) von den FAMU-Studenten Vít Klusák und Filip Remunda wiederum liefert auf humorvolle Weise tiefe Einblicke in die Welt der Werbung und die Denkweise einer ganzen Generation, die stets auf die neuesten Werbeblätter wartet, um dann quer durch die Stadt zum billigsten Supermarkt zu hetzen und drei Hörnchen zu kaufen. Wie in vielen Spielfilmen wird hier das tschechische Kleinbürgertum aufgespießt und bei lebendigem Leibe lustvoll seziert – im Gegensatz zum typischen tschechischen Spielfilm passiert hier allerdings wenigstens etwas.

Der Erfolg dieser Dokumentarfilme lässt sich möglicherweise auch auf den Siegeszug von „Mockumentaries“ (Pseudo-Dokumentarfilme) zurückführen, wie etwa Zelenkas Das Jahr des Teufels (2002), der die tschechische Musikerlegende Jaromír Nohavica getreu porträtiert, bis der Film irgendwann ins herrlich Absurde abgleitet. Auch der Film Karamazovi (2008) des gleichen Regisseurs lebt von der Verschmelzung von Theater, Film und Realität: Die Schauspieler spielen sich selbst und ihre Rollen in den Brüdern Karamasow bei einem Ausflug auf ein Theaterfestival in Krakau, bei dem das größte Drama plötzlich nicht mehr auf der Bühne, sondern im Zuschauerraum spielt.

Bei aller Vielfalt sollte man den Genuss tschechischer Filme genau dosieren und gut planen. Andernfalls verschmilzt das Gesehene zu einem unentwirrbaren Klumpen von amüsanten Anekdoten, schönen Frauen, Schauspielern, die in jedem Film mitzuspielen scheinen, depressiven Geschichten und merkwürdigen Gestalten. Sieht man sich zuerst eine Komödie an, ist man sich anschließend nicht sicher, ob man überhaupt die Kraft für einen Film hat, der sich selbst schon als „Drama“ (z. B. Slámas Die Jahreszeit des Glücks) bezeichnet. Und selbst wenn man keinen Wert auf anspruchsvolle Dialoge, gute Witze oder eine aufregende Handlung legt, findet sich leicht Verdauliches, das man allerdings nur beschränkt empfehlen kann. Zum Beispiel ist die offensichtlich von der mährischen Winzerbranche gesponsorte, beim tschechischen Publikum aus unerfindlichen Gründen höchst erfolgreiche „Komödie“ Trauben (2008) einzig wegen der anschaulichen Landschaftsaufnahmen der südmährischen Provinz sehenswert. In die gleiche Kategorie gehören auch die wohl furchtbarsten – und mit durchschnittlich 330.000 Zuschauer pro Film gruselig einträglichen – Werke der tschechischen Kinematographie: Zdeněk Troškas Kameňák-Filmreihe (2002-2004).
Immerhin haben auch sie zu einer positiven Erscheinung beigetragen: Der Marktanteil tschechischer Produktionen beträgt in Tschechien derzeit rund 40 Prozent, Tendenz weiter steigend. Und auch im Ausland wird der tschechische Film immer öfter – je nach Geschmack – für seine merkwürdigen, absurden, schwarzhumorigen oder deprimierenden Qualitäten geschätzt, so dass man sich möglicherweise häufiger auf die ein oder andere Perle auch in deutschen Kinos freuen kann.
 


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