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LIPSTICK TRACES

Stefanie Peter

Im Mai 1970 erschien das westdeutsche Reisemagazin ‚Merian’ mit einer eigenen Nummer über die Stadt Warschau. Es muss eines der ersten Merianhefte nach dem Krieg gewesen sein, das da versuchte, bundesdeutschen Bildungsbürgern eine Reise in die von den Brandschatzungen und Verbrechen der Deutschen so nachhaltig gebeutelte polnische Hauptstadt schmackhaft zu machen. Polen lag hinter dem Eisernen Vorhang und galt damals sicher nicht als bevorzugtes Reiseziel der Westdeutschen. Warum hätte man auch hinfahren sollen in ein von der Farbe Grau dominiertes Land des Mangels? Es war noch vor Willy Brandts Kniefall am Warschauer Gettodenkmal, vor der Unterzeichnung der Ostverträge, und man ahnte ebenfalls nicht, dass es einige Monate später, im Dezember 1970, polenweit zu massiven Ausschreitungen und Arbeiterprotesten gegen die kommunistische Herrschaft kommen sollte, in deren Folge Parteisekretär Władysław Gomułka von Edward Gierek – einer Ikone der volksrepublikanischen Konsumkultur – abgelöst werden würde.
Wie heute fiel es den Autoren auch damals schwer, die Schönheit der Weichselmetropole auf den Punkt zu bringen. Wo kunsthistorische, architektonische und kulinarische Höhepunkte fehlen, gilt die Bewunderung den Menschen, ihrer Gastfreundschaft und vor allem ihrer Fähigkeit, selbst unter schwierigen Umständen ihren Alltag zu meistern und Humor zu bewahren; eine Haltung, die dann – mit einer letztlich unvermeidlichen Herablassung im Ton –  als Lebenskunst beschrieben wird. Zu den größten Improvisationstalenten zählen in den Augen westlicher Besucher die polnischen Frauen, gelingt es ihnen doch, trotz des geringen Warenangebots hübsch und elegant auszusehen.
Der Merian hält die Frauen für eine Hauptsehenswürdigkeit der Stadt und widmet ihnen unter dem Titel ‚Die Nixenburg’ eine etwas altherrenhafte Hommage. Schon Casanova, Friedrich II., Napoleon, Goethe und Heinrich Heine hätten als Bewunderer  polnischer Weiblichkeit gegolten, schreibt der polnische Autor des Textes Stanisław Szenic. „Den Beinamen ‚Nixenburg’“, so fährt er fort, „verdankt Warschau zweifellos mehr seinen Frauen als der Nixe in seinem Wappen. In Warschau ist man Schönheit, Chic und Charme gewöhnt. In Theatern, Kinos, Restaurants und Cafés lassen die Warschauerinnen sich und ihre schicken Kreationen bewundern, die sie häufig eigenhändig anfertigen. Ein Autor, der die berühmten Frauen europäischer Hauptstädte darstellen wollte, müsste den Warschauerinnen eines der Hauptkapitel seines Buches widmen. Bewunderung und Ruhm erwarben sie sich nicht nur mit ihrem Charme und durch ihre Schönheit; oft auch dank ihrer damit gepaarten künstlerischen oder wissenschaftlichen Talente.“
Doch muss man gar nicht so tief in die Klamottenkiste nationalanthropologischer Deutungen greifen oder selbst zum Stereotypenreiter werden, um zu verstehen, was hier wohl gemeint ist: Schöne Frauen, die obendrein intelligent und in allen Berufssparten von der Arbeiterin bis zur Professorin oder Fabrikdirektorin anzutreffen sind, gehörten zu den Dingen, die der Ostblock dem Westen in jenen Jahren nun einmal voraus hatte. Und das, obwohl der Feminismus dort nicht gerade oben auf der Agenda stand. Zugleich bildete der Chic der Schwestern von der Weichsel, die sich farbbewusst und nach westlicher Mode kleideten, einen starken Kontrast zur DDR. Auf den fliegenden Straßenmärkten kursierten zerfleddernde Hochglanz-Modezeitschriften mit Schnittmustern zu Höchstpreisen. Frauen erhellten das realsozialistische Grau. Ihr roter Lippenstift hob sich davon ab und überraschte einmal mehr die Besucher aus dem Westen, weil er dem Klischee, das diese von der Volksrepublik im Kopf hatten, zuwiderlief.

Und heute? Was ist aus dem vielbeschworenen Chic und dem auffallend eleganten Stil polnischer Frauen geworden? Kann es nicht sein, dass mit dem Zerfall des Ostblocks auch er verschwunden ist? Es gibt, wie wir wissen, kaum einen Lebensbereich, in dem die Globalisierung so augenfällig wird wie in der Mode. Und so halten im Gefolge der ökonomischen Transformation polnische Eleganz und polnischer Chic zur Gänze Schritt mit den internationalen Trends und unterscheiden sich nur noch hier und da in Nuancen davon. Das liegt natürlich zum einen am einheitlichen Warenangebot: Die Innenstädte von Poznań, Wrocław oder Warschau sind bunt, in den Glasfassaden der neuen Hochhäuser glitzert das Sonnenlicht, überall schießen riesige Einkaufszentren mit paradiesischen Namen wie Arkadia oder Złote Tarasy (Goldene Terrassen) aus dem Boden. Innen das westliche Warenangebot: ‚H&M’, ‚Zara’, ‚Mango’, ‚Nike’, ‚Pimkie’, ‚Dunkin’ Donuts’. Häuserfassaden werden zu idealen Werbeflächen, manche verschwinden ganz und gar hinter den riesigen sogenannten Gigaboards. Aber das Angebot erschöpft sich nicht in preisgünstiger Konfektionsware von der Stange. In den Fußgängerzonen oder Lofts stillgelegter Industriegebäude findet man auch Edelboutiquen von ‚Escada’ über ‚Dior’ bis ‚Comme des Garçons’. Manchmal findet man noch Relikte, die an die modische Improvisation alter Tage erinnern, zum Beispiel die kleinen Stände mit Nylonstrumpfhosen in Krakauer Toreinfahrten oder Unterführungen.
So hat sich seit 1989 auch die polnische Mode in den Städten rasant dem internationalen Standard angepasst. Wie ehedem legen polnische Frauen Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Der Grund dafür, dass sich ihre Kleidung indes nur noch geringfügig von derjenigen ihrer westlichen Geschlechtsgenossinnen in anderen europäischen Metropolen unterscheidet, ist in den Modetrends der letzten Jahre zu suchen, die sich vorrangig aus der Subkultur speisen: Turnschuhe, Kapuzenjacken, Nietengürtel, auf der Hüfte sitzende Jeans oder enge Röhren wie zur Punkzeit, Parka, T-Shirts mit Totenkopfaufdruck, Tattoos, Piercings, asymmetrische Kurzhaarschnitte. Wo die Frauenmode auf kurze Röcke und hohe Absätze verzichtet, bedient sie die Männerwelt auch nicht mehr mit eindeutigen Reizen. Ein wenig anders gestaltet sich das alles in einkommensschwachen Schichten, in der Provinz, in den Kleinstädten und ländlichen Gebieten. Hier putzt man sich am Sonntag heraus; für den Familienausflug oder den Kirchgang tragen Frauen sogar gelegentlich kleine Hüte und Männer sowieso einen Anzug. Auch bei offizielleren Feiern oder Staatsakten dominiert ein eher konservativer, eleganter Kleidungsstil. Die Manieren sind ausgeprägt. Das beginnt bei der Galanterie polnischer Männer, der hier und da noch vorkommenden aber zunehmend im Aussterben begriffenen Geste des Handkusses und endet beim Paartanz, der nicht nur auf Hochzeiten, sondern auch in Clubs und Discos noch immer Konjunktur hat.
Ein bunter Teppich von Reklame und globalisierter Mode hat sich über das ganze Land gelegt. Nur wo er seine Löcher hat, schaut etwas heraus, das zum Inbegriff polnischer Ostalgie, also der Sehnsucht nach der guten alten Volksrepublik geworden ist: das sogenannte Mohairbarett. Es ist dies eine aus Mohair- oder Angorawolle gestrickte oder gehäkelte Baskenmütze. Sie ist das bevorzugte Kleidungsstück älterer Damen und wenn man genau darauf achtet, begegnet sie einem landauf landab. Die eigentlich harmlose, unauffällige Kopfbedeckung wäre niemandem eine Bemerkung wert, hätte sie nicht durch den katholischen Hetzsender Radio Maryja traurige Berühmtheit erlangt, denn es sind seine Hörerinnen, die die Mohairmütze zu ihrem Markenzeichen erkoren haben. Der Warschauer Journalist und Verfasser mehrerer Lexika der polnischen Jugendsprache Bartek Chaciński versucht, im ‚Alphabet der polnischen Wunder‘ das Phänomen der Mohairbarette und ihrer Trägerinnen zu deuten und beschreibt es als Inbegriff der Reaktion und einer fundamentalistischen Form katholischer Globalisierungskritik. Ihrer Sprache des Hasses, die sie in den Äther tragen, kann man nur mit einem polnischen Sprichwort begegnen: „Po czym poznac chama w lecie? Po berecie.“ (Was ist im Sommer eher doof als nett? Das Mohairbarett.).
 


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