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POLEN IM HERZEN - KOMPONIEREN IN DER FREMDE.

Die klassische Musik Polens als Geschichte einer Kunst im Exil
Frank Harders-Wuthenow


„In einem Lande, dessen Nationalhymne, dessen Nationalepos, dessen Nationaldrama in der Emigration geschrieben wurden, kann das Wort ‚Emigrant‘ nicht herabsetzend klingen.“
Tadeusz Nowakowski

Nicht allen Ländern Europas war es im 19. Jahrhundert gegeben, sich als unabhängige Nationalstaaten zu entwickeln. Kolonialismus war nicht nur ein Geschäft in Übersee: Nach der sogenannten dritten polnischen Teilung 1795 seiner staatlichen Souveränität beraubt, wurde Polen für mehr als 120 Jahre zum Spielball der (Un)heiligen Allianz Russlands, Preußens und Österreichs, die das polnische Territorium unter sich aufteilten und jegliche Unabhängigkeitsbewegung bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates 1918 mit Waffengewalt niederdrückten. Nach einer kurzen Phase nationaler Selbstständigkeit zwischen 1918 und 1939 machte Hitler Polen zum Schauplatz eines brutalen Vernichtungskrieges, dem fast zwanzig Prozent der polnischen Zivilbevölkerung zum Opfer fielen. Auf polnischem Territorium wurde mit der Vernichtung der europäischen Juden der größte Zivilisationsbruch der Menschheitsgeschichte begangen. Nach 1945 geriet Polen für fast ein halbes Jahrhundert unter das Joch der kommunistischen Diktatur. Des polnischen Literaturnobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz‘ (Quo Vadis) Formulierung, dass die Geschichte Polens seit dem 19. Jahrhundert identisch sei mit der Geschichte der an ihm verübten Verbrechen, behielt für fast zweihundert Jahre ihre Gültigkeit.
Was hatte das alles für eine Auswirkung auf das polnische Musikleben? Ein professionelles Musikleben kann sich nur entfalten, wenn die nötige Infrastruktur vorhanden ist: Musikschulen, Konservatorien, Hochschulen für die Ausbildung; Orchester, Opern und Konzerthäuser für die Praxis; Musikverlage, Musikwissenschaft und Musikpublizistik für Verbreitung der Werke heimischer Komponisten und kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Musikkultur. Wo dies alles nicht existiert, bzw. behindert und zerstört wird, liegen Talente brach oder entwickeln sich notgedrungen im Ausland. „Gott, gibt es Dich? Wieso rächst Du Dich nicht! Reichen all die Moskauer Verbrechen noch nicht? Oder – oder bist Du selber Russe!“ schrie(b) Frédéric Chopin in der Nacht vom 9. auf den 10. September 1831 in sein Tagebuch, als er in Stuttgart von dem blutig niedergeschlagenen Aufstand in Warschau erfuhr. Er wusste noch nicht, dass seine Reise, die ihn nach Paris führte, eine Reise ins Exil werden würde. Er sah seine Heimat nicht wieder. Und wie ihm ging es schließlich Legionen von polnischen Künstlern. „Die größten Schöpfer der polnischen Kultur im 19. Jahrhundert waren Emigranten“, und „auch im nächsten Jahrhundert entstanden die besten Werke extra muros Poloniae“, resümierte der polnische Schriftsteller und Widerstandskämpfer Tadeusz Nowakowski.

Ironischerweise wurde ab circa 1850 neben Paris vor allem Berlin zur wichtigsten Anlaufstätte für die musikalische Elite Polens, wofür die hohe Qualität der Ausbildung an den verschiedenen öffentlichen und privaten Institutionen sowie die ungleich besseren Aufführungsmöglichkeiten für zeitgenössische Komponisten ausschlaggebend waren. Über mehrere Generationen hinweg vollzog sich ein regelrechtes ‚Hin-und-zurück‘ zwischen Warschau und Berlin. Aus einstigen Studenten wurden bedeutende Lehrer, sodass sich auf dieser Achse des Kulturtransfers eine ununterbrochene Linie von Moniuszko bis heute ziehen lässt. Moniuszko, Schöpfer der polnischen Nationaloper Halka, studierte an der Berliner Singakademie, seine ersten Werke wurden in Berlin verlegt. Nach Polen zurückgekehrt, wurde er Lehrer unter anderem von Zygmunt Noskowski, der seine Studien wiederum bei Friedrich Kiel in Berlin vervollkommnete. Bei Noskowski, dem Spiritus rector des polnischen Musiklebens am Ausgang des 19. Jahrhunderts, Schöpfer der ersten polnischen symphonischen Dichtung Die Steppe, ging die musikalische Elite der folgenden Generation in die Lehre: Eugeniusz Morawski, Karol Szymanowski, Ludomir Różycki, Apolinary Szeluto und Grzegorz Fitelberg. Morawski, militanter Untergrundkämpfer, wurde 1908 wegen antirussischer Agitation verbannt und durfte nur dank eines hohen Lösegeldes ins Exil nach Paris, statt in die Verbannung nach Sibirien. Szymanowski und sein Freundeskreis begründeten ab circa 1905 in Berlin eine Sezessionsbewegung nach dem Vorbild des literarischen „Jungen Polen“ und öffneten die polnische Musik den zeitgenössischen westlichen Avantgarden. Der dieser Gruppe nahestehende ältere Mieczysław Karłowicz, bedeutendster polnischer Symphoniker seiner Generation, hatte wiederum an Theodor Kullaks Berliner Akademie studiert und wichtige Uraufführungen durch die Berliner Philharmoniker erfahren. Bei Kullak ging auch Ignacy Jan Paderewski in die Lehre, der berühmteste Pianist und Klavierpädagoge seiner Zeit. Paderewski, der den größten Teil seines Lebens im Exil verbrachte, spielte eine herausragende Rolle bei der Wiedererlangung der staatlichen Souveränität Polens. Seinen Kontakten in die Spitzen der amerikanischen Politik ist es zu verdanken, dass sein „Memorandum über die polnische Frage“ in Woodrow Wilsons 14-Punkte-Erklärung Eingang fand, welche die Grundlage des Versailler Vertrages bildete. Der 13. Punkt forderte die Wiedererrichtung des polnischen Staates, dessen erster Ministerpräsident – Paderewski wurde. Beinahe wäre es diesem gelungen, einen anderen damals weltberühmten polnischen Pianisten und Komponisten in sein Kabinett zu holen, den in New York ansässigen Zygmunt Stojowski, der es allerdings vorzog, im Exil und bei seiner Profession zu bleiben. Stojowski, 1870 in Strzelce geboren, studierte bei Władysław Żeleński (dem Vater des berühmten Schriftstellers Tadeusz Boy-Żeleński, der 1941 in Lemberg von den Nazis ermordet wurde). 1887 siedelte Stojowski nach Paris über, wo er Léo Delibes’ Lieblingsschüler wurde, der ihn sogar adoptieren wollte, um ihm die Teilnahme an dem ausschließlich französischen Staatsbürgern vorbehaltenen „Prix de Rome“ zu ermöglichen. Ein Lieblingsschüler Franz Liszts wiederum war der begnadete Pianist und Komponist Juliusz Zarębski, Jahrgang 1854. Er hatte in Wien, St. Petersburg, Rom und Weimar studiert und wurde mit 26 Jahren als Professor für Klavier an das Brüsseler Konservatorium berufen. Er verstarb 31-jährig an Tuberkulose und hinterließ ein kleines aber feines und vielversprechendes Oeuvre, darunter ein hinreißendes Klavierquintett und hochinteressante Klaviermusik, stilistisch zwischen spätem Liszt und frühem Skrjabin angesiedelt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbesserten sich die Arbeitsbedingungen für Musiker in Polen, und dennoch riss der Strom der Exilanten nicht ab. Waren nach der Staatsgründung 1918 die Lehr- und Wanderjahre nicht mehr erzwungen, so folgte man nun dem Beispiel Syzmanowskis, der wieder einmal gezeigt hatte, dass der Weg zu einer eigenständigen nationalen Kultur auf Weltniveau möglicherweise nur auf dem Umweg über das Leben in der Fremde, in der Auseinandersetzung mit dem „Anderen“ möglich war. Noch einmal wurde Berlin in den zwanziger Jahren zum Stützpunkt für eine Gruppe polnischer Musiker, was der charismatischen Erscheinung des Österreichers Franz Schreker zu verdanken ist. Der damals meistgespielte Opernkomponist deutscher Sprache neben Richard Strauss – Freund und Vorbild auch für Szymanowski übrigens – übernahm 1920 die Direktion der Berliner Musikhochschule und scharte eine ganze Reihe hochbegabter polnischer Komponisten, Pianisten und Dirigenten als Schüler um sich: Karol Rathaus, Jerzy Fitelberg (Sohn des oben genannten Komponisten und später weltberühmten Dirigenten Grzegorz Fitelberg), Ignace Strasfogel, Artur Rodziński und Joseph Rosenstock, die im Musikleben der Weimarer Republik eine herausragende Rolle spielten und – alle fünf waren jüdischer Abstammung – nach 1933 in die USA emigrieren konnten.

Doch eigentlich war es Szymanowskis Behauptung, dass „eine große Musik auch auf einer anderen Grundlage als im Kreis der deutschen ‚Sensibilität‘ entstehen“ könne, die für die nächste polnische Komponistengeneration zur Maxime wurde. Folgerichtig zog es sie nach dem 1. Weltkrieg in das Paris der Ballets Russes, der Groupe des Six und des Néoclassicisme. Alexandre Tansman, 1897 in Lodz geboren, machte den Anfang, als er 1919 in die Seine-Metropole übersiedelte, nachdem er – kurioser Fall der Musikgeschichte – beim ersten Nationalen Polnischen Kompositionswettbewerb mit mehreren eingereichten Kompositionen alle Preise abgeräumt hatte, den zweiten und dritten unter Pseudonym. Tansman avancierte in den 20er Jahren zu dem vermutlich weltweit meistaufgeführten Komponisten seiner Generation. Von 1926 an unterstützte er die von Piotr Perkowski ins Leben gerufene „Association des Jeunes Musiciens Polonais“, in der sich eine große Gruppe junger polnischer Musiker und Komponisten zusammentat, die am Conservatoire oder bei der legendären Pädagogin Nadia Boulanger studierten. Manche blieben für immer, manche kehrten früher oder später nach Polen zurück, um am Aufbau des heimischen Musiklebens mitzuwirken. Zu letzteren gehörte etwa Grażyna Bacewicz, 1909 in Lodz geboren, die bedeutendste polnische Komponistin des 20. Jahrhunderts.

Der 2. Weltkrieg bedeutete für ausnahmslos alle polnischen Musiker einen gravierenden Einschnitt in ihrer Biografie; für diejenigen jüdischer Abstammung führten die Fluchtlinien des Exils zumeist nach Amerika, wohin Hitlers langer Arm nicht reichen konnte. War es für die Dirigenten und Solisten meist leichter, auf fremder Erde Fuß zu fassen, hatten die Komponisten oft das Nachsehen, auch wenn sich die Sprachbarriere in der Musik naturgemäß weniger gravierend auswirkte als in der Literatur.
Opfer des Holocaust wurde Joachim Mendelson, der in den zwanziger Jahren über Berlin nach Paris übergesiedelt und 1935 einem Ruf als Lehrer an das Warschauer Konservatorium gefolgt war. Er wurde 1943 im Warschauer Getto ermordet. Dem Holocaust entgehen konnten Andrzej Krauthammer, der, noch ein Kind, aus dem Warschauer Getto herausgeschmuggelt, im „arischen“ Teil Warschaus versteckt gehalten wurde, unter dem Pseudonym Andrzej Czajkowski den Krieg überlebte und in den 50er Jahren als André Tschaikowsky eine Weltkarriere als Pianist machen sollte. Tschaikowsky studierte ebenfalls Komposition bei Nadia Boulanger in Paris, machte dann England zu seiner Wahlheimat und hinterließ ein kleines aber faszinierendes kompositorisches Oeuvre, das es wiederzuentdecken gilt, darunter eine bis heute nicht uraufgeführte Oper nach Shakespeares Kaufmann von Venedig. Mieczysław Weinberg, dem bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen eine erfolgreiche Retrospektive gewidmet war, rettete sich über Weißrussland nach Moskau, Czesław Marek in die Schweiz, Roman Haubenstock-Ramati gelangte von Lemberg auf abenteuerlichen Wegen nach Palästina und spielte dann eine herausragende Rolle in der Neuen Musikszene Österreichs nach dem 2. Weltkrieg. Szymon Laks, in den zwanziger Jahren aktives Mitglied der „Association des Jeunes Musiciens Polonais“ in Paris, wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und überlebte den Holocaust als Mitglied und später Leiter einer der Männerkapellen des Vernichtungslagers Birkenau.

Obwohl sich die polnische Musik nach dem 2. Weltkrieg zu einer unüberhörbaren Größe im Konzert der europäischen Avantgarden entwickelte, dies vor allem dank des legendären Festivals für zeitgenössische Musik „Warschauer Herbst“, blieb das Exil auch in der zweiten Jahrhunderthälfte eine Konstante der polnischen Musikkultur. Der spektakulärste Fall: Andrzej Panufnik, neben Witold Lutosławski der vielleicht bedeutendste polnische Komponist der Generation der um 1910 Geborenen, ließ höchste Ämter und Würden zurück, als er 1954 ins Exil nach London ging, um dort, von der Queen für seine Verdienste geadelt, seine Karriere allerdings nicht weniger erfolgreich fortzusetzen. Witold Szalonek folgte 1973 einem Ruf an die Westberliner Musikhochschule und lebte bis zu seinem Tod 2001 in Berlin. Krzysztof Meyer lebt in der Nähe von Köln, wo er lange Jahre als Professor für Komposition an der Musikhochschule wirkte. Piotr Moss, Joanna Bruzdowicz und Elżbieta Sikora ließen sich in Frankreich nieder. Hanna Kulenty lebt seit 1992 abwechselnd in Holland und Polen und Bettina Skrzypczak seit 1988 in der Schweiz.

Polen ist überall, wo Polen sind, sagt die polnische Nationalhymne. Die Bedeutung dieses Satzes mag man ermessen, wenn man ihn sich im Kontext der deutschen Nationalhymne vorzustellen versucht. Nach wie vor projizieren wir unsere Vorstellung von Kulturgeschichte auf die Landkarten der entsprechenden Nationen. Doch die Landkarte des kulturellen Polens ist eine virtuelle. Wer seine Schätze heben will, muss sich auf eine oftmals mühsame Suche machen, wird dafür aber reich belohnt werden.
 


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