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VOM PRÄSIDENTEN, DER MENSCH GEBLIEBEN IST

Mariusz Szczygieł

„Hier, das bin ich – eine verwöhnte bourgeoise Heulsuse“, sagt Havel über Fotos aus seiner Kindheit. Seine Familie hatte eine Köchin angestellt, eine Dienstmagd, einen Gärtner, einen Chauffeur und eine Erzieherin für ihn und seinen Bruder. „Auf diesen Fotos sieht man, dass ich ein Kind war, das alles tat, damit die gesamte Umgebung sich ausschließlich mit ihm befasste.“
Während des Krieges wohnten sie auf dem Landbesitz der Havels. Vaszek ging gemeinsam mit den Dorfkindern zur Schule. Er betont, dass das Verwöhntsein Auswirkungen auf seinen Charakter hatte: „Das waren ganz andere Auswirkungen, als man vielleicht erwartet hätte.“ Die unsichtbare Barriere, die ihn von den Dienstboten und den Mitschülern trennte, hat in ihm nicht etwa das Gefühl geweckt, etwas Besseres zu sein, ganz im Gegenteil: „Ich konnte das nur schwer ertragen. Hinter dieser Mauer habe ich mich verlassen gefühlt, wertloser, verloren, verlacht. Als hätte ich unterbewusst gespürt oder befürchtet, dass alle – und das war tatsächlich so – sich gegen mich verschworen haben.“

„Eine schmerzhafte Sache war meine Fettleibigkeit“, bekennt er. In ihr sucht er auch den Schlüssel zu seiner Persönlichkeit. Václav war ein dicker Junge, nur mit Mühe kletterte er auf Bäume; er schaffte es weder über Bäche zu springen noch einen Purzelbaum zu schlagen. Er erntete den Spott der anderen Kinder: „In unserer Klasse war es Mode, auf meine dicken Oberschenkel zu schlagen. Zwei Dinge haben sich da ergänzt: Das instinktive Misstrauen gegen einen Mitschüler aus reicher Familie fand in meiner Fettleibigkeit den perfekten Vorwand für einen beiläufigen ‚sozialen Racheakt’.“
Jahre später findet er, dass er dankbar sein sollte für seine bourgeoise Herkunft und Fettleibigkeit: „Was, wenn nicht das tiefsitzende Gefühl der Fremdheit, gestattet einem Menschen, das Absurde der Welt und der eigenen starren Existenz wahrzunehmen?“ Von seinen Theaterstücken heißt es ja, ,sie seien das tschechische Theater des Absurden. Er ist der Meinung, dass in seiner Kindheit der Grund dafür liegt, warum er zu schreiben begann: „Um irgendwie meine Urerfahrung zu besiegen, das Gefühl unpassend zu sein, ungelenk, unflexibel, einfach absurd, damit ich mit diesem Gefühl leben konnte.“

„Dann kam der nächste Schlag ...“, fügt er hinzu. Vier Jahre nach der Machtübernahme der Kommunisten beendet er die Grundschule. „Für meinen Bruder Ivan und mich bedeutete Klassenkampf vor allem, dass wir kein Recht auf weitere Bildung hatten.“ Die Machthaber wiesen ihm eine Zimmermannslehre zu.
Seine Eltern fürchteten um die Zukunft ihres Sohnes. Er war nicht schwindelfrei und hätte vom Dach fallen können. Sie baten den berühmten tschechoslowakischen Chemiker Otton Wichterle (drei Jahre später erfand er die Kontaktlinsen), dass er ihm Arbeit im Labor geben möge. Für die Machthaber war Havel nun ein „Laborarbeiter“ und konnte so das Abendgymnasium besuchen und abschließen.
Damals schrieb er bereits Theaterrezensionen und Gedichte.

„Zum Theater bin ich zufällig gekommen“, erklärt er und fügt hinzu, dass das keine Sache einer besonderen Vorliebe für die Bühne war. Er war zweimal durch die Aufnahmeprüfung für das Philosophiestudium gefallen. Dafür bestand er die für Transportökonomie an der Politechnischen Hochschule. Dort warf man ihn raus wegen „eines mit den Machthabern nicht abgesprochenen Versuches, in die Filmhochschule zu wechseln“. Er bestand auch hier die Prüfung nicht und wurde sofort zum Wehrdienst eingezogen.
„Ich landete in einer Einheit für die schwarzen Schafe mit bourgeoiser Herkunft – bei den Pionieren. Die tschechoslowakische Armee hatte sich von der sowjetischen abgeschaut, dass zu den Pionieren weniger wertvolle Vertreter des Volkes gesteckt wurden, weil die vor der Armee marschieren und somit immer die größeren Verluste haben.“
Bei der Armee bat man ihn, etwas aufzuführen. Er schrieb mit einem Kollegen das Stück „Das Leben vor sich“ (Život před sebou). Seinen Vorgesetzten zufolge hatte es einen entscheidenden Fehler: Die tschechoslowakischen Soldaten wurden nicht wirklichkeitsgetreu dargestellt, sie schliefen auf der Wache, „so etwas kommt natürlich in unserem disziplinierten Staat nicht vor“. Nach dem Wehrdienst begann er als Bühnentechniker bei ‚Divadlo Na zabradli’ (Theater am Geländer) zu arbeiten. Chef der dramatischen Bühne wurde sein Freund Jan Grossmann, der den „Bühnenarbeiter“ zu seinem Assistenten machte. Regieassistent. Im Jahr 1964, im Alter von 28 Jahren, war Havel Autor eines Dramas, das endlich auf die Bühne gebracht wurde. ‚Divadlo Na zabradli’ hatte bereits den Ruf, „Zentrum des Absurden Theaters” zu sein. Langsam begann die Tauwetterperiode, und Havel wurde in der Theaterhochschule angenommen.

„In Prag in der Vodičkova-Straße fiel damals ein großer Sims auf eine zufällig vorbeigehende Frau“, erzählt er. Ihr Tod rief einen Proteststurm hervor. Die Machthaber sagten in den Medien, der Sozialismus habe große Fortschritte gemacht, weil die Ursachen des Vorfalls „offiziell kritisiert werden dürfen“.
Die verlogene Atmosphäre um diesen Unfall inspirierte Havel zu dem Stück „Die Benachrichtigung“ (Vyrozumění). Der Chef eines nicht näher bezeichneten Amtes erhält eine Nachricht in seltsam verworrener Sprache. In dem Büro herrscht eine neue Sprache mit dem Namen „Ptydepe“, sie soll die Arbeitsorganisation verbessern, unpräzise Wörter werden zu diesem Zweck gestrichen.
Die Ähnlichkeit der Wörter ist auf ein Minimum begrenzt. Eine der Figuren, der „Sprachfunktionär“, erläutert: „Die Wörter müssen sich aus so wenig Buchstabenkombinationen wie möglich zusammensetzen.“ Es herrscht das logische Prinzip: Je gewöhnlicher die Bedeutung, umso weniger Buchstaben. Der Vogel Mauersegler hat 319 Buchstaben, das andere Extrem dagegen – das von der Parteinomenklatur vergötterte Wort „obgleich“ – besteht aus nur zwei Buchstaben: „gh“.
„Ptydepe“ soll eine supersynthetische Sprache sein, aber im Grunde geht es um eine Antisprache. Diejenigen, die sie benutzen, werden zu mechanischen Wesen, die die Fähigkeit verloren haben, zwischen der bloßen Sprache und einer Situation, in der sie sie benutzen, zu unterscheiden.
Woher die Bezeichnung „Ptydepe“? „Warum nicht?“, fragt Havel. So wie das Wort „kafkaesk“ ist auch „Ptydepe“ zum festen Bestandteil des allgemeinen Bewusstseins geworden. Fragt man Prager Taxifahrer, was das Wort „Ptydepe“ bedeutet, antworten alle, es gehe um eine Art Neusprech.

„Simse und Balkone stürzen nicht mehr herunter, die Straßen sind voller Gerüste.“ So beginnt Havel seine berühmte Rede auf dem Schriftstellerkongress im Juni 1967. Beinahe alle Auftritte auf diesem Kongress wurden später berühmt, denn genau hier begann der Aufruhr, der im Prager Frühling gipfelte. Die Partei erwartete, dass die Schriftsteller endlich die Kriterien für eine sozialistische Literatur formulieren würden. Die Schriftsteller sollten, obwohl Stalin lange tot war, zum wiederholten Male bestätigen, dass Kunst nicht Liebhaberei, sondern Klassenkampf war.
Havel beendete seine Einleitung mit den Worten: „Und hinter den Gerüsten treten langsam frische Häuserfassaden zum Vorschein. Das erweckt den Eindruck, als wäre alles in Ordnung. Aber das ist es nicht.“ Danach sprach er lange über das, worüber alle sprachen. Über die Knebelung der Literatur. Am Ende sagte er: „Prag ist voll von Gerüsten, deren Anblick uns verspricht, dass uns keine Simse mehr auf den Kopf fallen werden. Vor ein paar Tagen ist es aber in Žižkov zu einem ungewöhnlichen Vorfall gekommen – vor einem Haus ist das gesamte Gerüst zusammengebrochen. Daraus folgt die ernste Erkenntnis, dass kein Sieg endgültig ist.“
Der Kongress widersetzte sich der Partei. Das Innere des Systems brachte seine eigenen Totengräber hervor.
Zu Beginn des folgenden Jahres wechselte Alexander Dubček den Stalinisten Novotný als I. Parteisekretär ab. Die Zensur wurde aufgehoben, man konnte offen über alles reden. Europa traute seinen Augen und Ohren nicht – brauchte hier eine kommunistische Partei keine Gewalt anzuwenden, um die Unterstützung eines deutlichen Teils der Gesellschaft zu bekommen (in Polen schrieb man sogar an Mauern: „Ganz Polen wartet auf seinen Dubček“)?
Havel besuchte zusammen mit den Schriftstellern Jan Procházka und Pavel Kohout den Literaturprofessor Václav Černý, um über die Gründung einer Sozialdemokratie zu sprechen. Er nahm an Jugendkundgebungen teil. In der Wochenschau ist zu sehen, wie er im Slawischen Haus in Prag auf dem Balkon des Vorführungssaals lacht, als der Schriftsteller Procházka seinen berühmten Satz über die Zensur verkündet: „Nicht dafür hat der Mensch so lange sprechen gelernt, damit ihm das Recht zu sprechen jetzt versagt wird!“
Im Sommer flog er nach Paris und nach New York. Er besuchte die Premiere seines eigenen Stückes. Er ließ sich das Haar wachsen, kaufte sich die Stones-Platte mit dem Hit „Jumping Jack Flash". Um den Hals hängte er sich ein Indianer-Amulett.
Wenige Wochen vor dem Einmarsch der Sowjets und der vier Brüderarmeen kehrte er zurück.
Als die Besatzer einrückten, montierte er zusammen mit dem Volk die Straßenschilder ab, damit die Panzerfahrer den Weg nicht fanden.

„Die Geschichte ist nicht ‚woanders’“, erklärt er zwanzig Jahre später in einem Interview. Damit bezieht er sich auf die berühmte Kontroverse mit Milan Kundera im Winter 1968, die vielleicht wichtigste in der tschechischen Kulturgeschichte.
Vier Monate nach dem sowjetischen Angriff, nachdem der neue Führers Dubček und mit ihm fünf weitere Angehörige der Regierung nach Moskau entführt worden waren, nachdem man sie dazu gezwungen hatte, die erniedrigende Kapitulation zu unterschreiben, lässt Kundera seinen berühmten Essay „Das tschechische Schicksal“ drucken (die Zensur war noch nicht wieder eingeführt worden). Die sowjetische Okkupation und die Einstellung dazu erklärt er mit dem tschechischen Nationalschicksal.
„Das heißt, die Sowjets“, folgert Havel, „wären also nicht hierher gekommen, um die Ordnung in einem rebellischen Herrschaftsgebiet wiederherzustellen, sondern um das ewige tschechische Schicksal zu erfüllen. Als hätten aus diesem Grund die Vertreter des tschechoslowakischen Staates die Moskauer Vereinbarungen unterschreiben müssen.“ Kundera schrieb: „Diejenigen, die heute in eine Depression, in Defätismus verfallen sind und klagen, dass wir keine ausreichenden Garantien haben, dass alles schlecht ausgehen kann, dass wir wieder im Sumpf der Zensur versinken können, sind im Grunde schwache Menschen.“  Und weiter, die Tschechen und Slowaken hätten eigentlich nicht wirklich verloren, insgesamt sei alles gut ausgegangen, das tschechische Schicksal habe immer auf Anpassung an die Bedingungen beruht, die die Großmächte diktierten.
Havel greift Kundera in der Presse an. Seiner Meinung nach hat Kundera elegant die tschechische Kapitulation und Passivität begründet. Die Kontroverse drehte sich um die Frage, ob wir unser Schicksal selbst schaffen oder machtlose Objekte sind. „Ich verstehe und respektiere die Frustration der ehemaligen Kommunisten darüber, wie alles geendet hat, vollkommen (...), aber es gefällt mir nicht, wenn sie versuchen, die harte Wahrheit zu entschärfen, indem sie auf das ewige nationale Schicksal verweisen. Dadurch waschen sie sich rein: Die Verantwortung für die Geschichte lastet schließlich auf den Schultern der Geschichte!“
Mit einem Wort: Es darf kein Alibi in der Geschichte gesucht werden. Es ist nicht wahr, dass niemand das Steuer der Geschichte hält. Kundera dämonisiert sie, seiner Meinung nach wandert sie irgendwo über uns, in irgendeinem fatalen Jenseits. „Die Geschichte ist schließlich nicht ‚irgendwo anders’! Sie ist hier.“

„Die Gesellschaft ist ein rätselhaftes Tier“, stellt er nach der Niederschlagung des Prager Frühlings fest. Dieses Tier hat verschiedene Gesichter und man darf nicht nur dem einen glauben, das gerade zu sehen ist.
Dubček wurde von Gustáv Husák abgelöst. Ein Jahr nach der Besatzung begann die „Normalisierung“. 750.000 Bürger verloren ihre Arbeit. Zieht man ihre Familien mit in Betracht, waren zwei Millionen Menschen Opfer von Repressionen. Bischöfe und hochrangige Kritiker wurden Fensterputzer. Man sagte, wenn du über Philosophie sprechen willst, sprich eine Klofrau an, denn sie ist ganz sicher eine von der Uni entlassene Philosophieprofessorin. Die Kinder verdächtiger Personen mussten ihr Studium abbrechen und Arbeiterberufe erlernen.
Aus dem 500-Personen starken Schriftstellerverband wurden 80 Prozent hinausgeworfen. Havel und 129 andere kamen auf die Liste verbotener Autoren. Ihre Bücher wurden aus den Bibliotheken genommen. Viele wurden als Heizer angestellt. Damals entstand die Redewendung: „Je größer der Intellektuelle, desto tiefer der Heizkeller.“

„Wir hatten hier schon die verschiedensten Vögel, aber einen Schriftsteller hatten wir in der Brauerei noch nie“, sagt in dem Stück „Audienz“ der Braumeister zu Van?k. Havel musste in eine Brauerei Arbeit aufnehmen, weil ihm zum wiederholten Male eine Verurteilung als gesellschaftlicher Parasit drohte. Er wurde Hilfsarbeiter und rollte Fässer.
Eines Tages wurden neue Apparaturen in die Brauerei geliefert, die niemand zu bedienen verstand. Havel wurde gerufen und wurde schnell der besten Techniker. Als eine Kommission aus Prag kam, lobte sie die Brauereidirektion dafür, dass sie intelligente Mitarbeiter angestellt hatte.
Einmal bat der Direktor Havel zu einem langen Gespräch. Er gestand, dass der Geheimdienst von ihm verlangt hatte, dass er, der Direktor, Berichte über Havel schreiben sollte. Weil der Direktor aber wusste, dass Havel ein „berühmter Schriftsteller“ war, bot er ihm an, Havel solle die Berichte selbst schreiben. Schließlich würde er am besten wissen, wie sie anzufertigen seien. Der Brauereidirektor würde sie dann den richtigen Leuten zukommen lassen.
Havel verarbeitete diese kafkaeske Szene in „Audienz“. Er schuf die Gestalt des schüchternen Ferdinand Van?k. Van?k will keine Berichte über sich schreiben, der Brauereidirektor wird wütend: „‚Und was ist mit mir?’, fragt er. ‚Lässt du mich etwa hängen? Zeigst du mir die kalte Schulter? Ich darf das Schwein sein?! Ich darf mich in der Scheiße sielen?! Und der Herr? Der Herr kann sich nicht beteiligen?! Ich darf mich schmutzig machen, Hauptsache der Herr bleibt sauber! Weil der Herr Prinzipien hat!’“
Der Autor war überzeugt, dass er nur eine Kabarettszene zur Belustigung seiner Freunde geschrieben hatte. Er las ihnen in seinem Sommerhaus in Hrádeček, unweit der Schneekoppe vor. Hrádeček wurde zu einem der wichtigsten Orte der tschechoslowakischen Opposition, in einer großen Scheune wurden mehrere Festivals der unabhängigen Kultur veranstaltet. Das Vorlesen ihrer Werke war – wie Pavel Kohout erzählt – „eine Art stellvertretende literarische Kommunikation angesichts unserer offiziellen Nichtexistenz“.
Havel, der stets an seinen Fähigkeiten zweifelt, glaubte nicht an den Erfolg seines Stückes. Dennoch wurde „Audienz“ schnell zum Hit auf den europäischen Bühnen. Ferdynand Van?k wird die Hauptfigur mehrerer weiterer Stücke, mehr noch: Er wird der erste „geborgte Protagonist” der tschechischen Literatur. Pavel Kohout und Pavel Landovský schrieben ebenfalls Stücke mit Van?k und porträtierten dabei Havel. Van?k betrügt in diesen Theaterstücken nie, greift nicht an, spricht nur, wenn er gefragt wird. Und gleichzeitig ist er unerschütterlich in seinen Ansichten.

„Sehr geehrter Herr Husák, warum benehmen sich die Menschen so, wie sie sich benehmen?“, fragt Havel den I. Sekretär des Zentralkomitees 1975 in einem offenen Brief. Er schrieb zwei Wochen daran. Es entstand ein Essay über den moralischen und geistigen Zerfall der Gesellschaft.
Er gab in seinem Brief selbst die Antwort auf seine Frage: „Die Antwort ist offensichtlich: Die Angst drängt sie dazu. (...)“
Havel ging es um eine „mehr oder weniger bewusste Teilnahme am allgemeinen Bewusstsein einer anhaltenden und allgegenwärtigen Bedrohung“, „darum, dass man sich langsam an diese Bedrohung gewöhnte“, „darum, dass es als immer selbstverständlicher galt, verschiedenste Formen der Anpassung zu beherrschen, als einzigen wirksamen Selbstschutz.“
Als er im Sommer 1968 in den USA war, traf er dort den Schriftsteller Egon Hostovský, der gleich nach der Machtergreifung durch die Kommunisten emigriert war. Hostovský sagte ihm, er sei vor sich selbst emigriert, so sehr hatte er sich davor gefürchtet, was er tun könnte, wenn er bliebe. Bohumil Hrabal begann – sicherlich im Rahmen einer Selbsttherapie – dem potentiellen Leser seine Angst mitzuteilen. Wenn er Zug fahre, würde er sich so fürchten, dass er sich selbst die Hand hielte. „Also fuhr er“, schreibt Hrabal von sich, „für gewöhnlich mit dem Bus. Manchmal, wenn er es mit der Angst zu tun bekam, besonders wenn er im Radio hörte, dass er und andere Schriftsteller gefesselt und an einen unbekannten Ort verschleppt worden waren, dann fuhr er Bus, und im Bus brauchte er sich vor niemandem zu fürchten, es war ihm egal, wohin er fuhr.“
Havel war nicht davon ausgegangen, dass der „Brief an Husák“ beim Adressaten ankommen würde. „Ich habe ihn in der Überzeugung geschrieben, dass er für die gesellschaftliche Hygiene wichtig sei.“ Heute gesteht er ein, dass dies der erste Schritt auf seinem Weg als Dissident war.

„Die Wahrheit zu sagen, hat immer Sinn, unter allen Bedingungen“, erklärt er seine Entscheidung dafür, den Brief zu schreiben. Ende 1976 wurden die Musiker der Band Plastic People of the Universe verhaftet. Sie wurden als Parasiten verurteilt. Sie bestanden auf ihrem Recht zu singen, was sie wollten. Am zweiten Verhandlungstag verließ Havel betroffen das Gericht und konnte an nichts anderes mehr denken.
In der Prager Kleinseite traf er einen bekannten tschechischen Regisseur, der ihn fragte, woher er komme. „Vom Underground-Prozess“, antwortete er. Der Regisseur fragte, ob es um Drogen ginge. Havel versuchte, ihm das Wesentliche der Sache zu erklären. Der Regisseur nickte und sagte: „Und was gibt es sonst bei Ihnen?“ „Vielleicht bin ich ungerecht“, schreibt er Jahre später als Präsident, „aber damals hatte ich das überwältigende Gefühl, dass diese Sorte Mensch zu einer Welt gehört, mit der ich nichts mehr zu tun haben wollte.“
Während der Prozess Plastic People andauerte, entstand auf Havels Initiative die Deklaration, die später Charta 77 genannt wurde. Zunächst wurde sie von 242 Personen unterschrieben, dann innerhalb der darauffolgenden Jahre von insgesamt Tausend. Es wurde keine illegale Organisation ins Leben gerufen. Die Charta war ein Manifest. Die Autoren nannten die Dinge beim Namen. „Apartheitopfer“ nannten sie Tausende Personen, denen die Arbeit in ihren Berufen versagt wurde. „Es hatte die Überzeugung gesiegt, dass Freiheit nicht teilbar ist, dass jeder verteidigt werden müsse, auch die langhaarigen Jugendlichen mit ihrer Musik.“
Die vom System ausgeschlossenen, jeglicher Entwicklungsmöglichkeiten beraubten Intellektuellen, denen selbst der physische Zutritt zu Bibliotheken verweigert wurde, schufen einen Oppositionskreis.
Als 1975 zwei Havel-Dramen im Wiener Theater aufgeführt werden sollten, und der österreichische Kulturminister offiziell den Autor zur Premiere einlud, gaben ihm die Machthaber keinen Pass. Die Minister antworteten, „Václav Havel repräsentiert nicht die tschechoslowakische Kultur“. Havels Situation war dennoch besser als die des berühmtesten tschechischen Fotografen – offiziell war er Arbeiter – Jan Saudek. Als man im Westen seine Fotos ausstellte und den Künstler dazu einlud, antworteten die Beamten in Prag, dass „ein solcher Fotograf in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik nicht existiert“.

„Liebe Olga“
– so beginnt jeder der 144 Briefe, die Havel aus dem Gefängnis an seine Frau schrieb. Insgesamt hat er fast fünf Jahre gesessen, das erste Mal war er wegen Teilnahme im Komitee der zu Unrecht Verfolgten bestraft worden. In Warschau erschien 1989 bereits mehrere Monate lang die „Gazeta Wyborcza” – die erste nichtkommunistische Zeitung in den Ostblockländern – als Havel endlich das Gefängnis verlassen durfte.
Dem Sträfling war es untersagt, Notizen zu machen. Es war wöchentlich nur ein Brief von vorgeschriebener Länge erlaubt. Berichtigungen und Streichungen waren verboten. Ebenso Unterstreichungen und Anführungsstriche. Der Brief musste persönliche Dinge behandeln. Fremdwörter und fremdsprachliche Wendungen waren untersagt.
Humor war ebenfalls verboten. „Die Strafe ist eine ernsthafte Angelegenheit und jeder Witz beeinträchtigt sie. Deshalb sind meine Briefe so todernst.“
Havel wusste, dass ein normaler Brief die Gefängnismauern nicht verlassen würde. Nur ein besonders verworrener Brief hatte eine Chance. „Hätte ich das Wort ‚Regime’ schreiben wollen, hätte ich sicher schreiben müssen: ‚der gesellschaftlich offene Herd Nicht-Ich’, oder ähnlichen Blödsinn.“ Weil es den Häftlingen untersagt war, eine Kopie zu behalten, verlor er den Überblick darüber, was er geschrieben hatte. Deshalb die vielen Wiederholungen, deshalb die vielen Unterbrechungen in seinen Ausführungen.
Es war ihm bewusst, dass dies keine privaten Briefe waren. Er wusste, dass, wenn seine Frau sie erhielt, sie zu literarischen Zeugnissen werden würden. So entstand ein philosophisches Traktat in wöchentlicher Folge. Vielen Intellektuellen waren sie die liebste Lektüre. Salman Rushdie nannte sie Nährboden für Melancholiker.

„Ich nehme meine Nutzlosigkeit zur Kenntnis“,
schreibt er im Brief Nummer 70. „Ich bin der Meinung, dass ich durch ein unumgängliches Schicksal dazu verdammt bin.“ Diese Nutzlosigkeit spürte er, wenn sein schlimmster Gemütszustand über ihn hereinbrach. Schwer zu beschreiben. „Mein schlimmster Gemütszustand ist erst auf Platz 8 im Verzeichnis der schlimmen Gemütszustände.“ Das Verzeichnis enthielt die Beschreibung von acht schlechten und sieben guten Gemütszuständen.
Gemütszustand Nummer 8: „Gemeint ist ein Zustand des totalen Selbstzweifels. Ich denke darüber nach, wann und welche theoretischen Arbeiten ich geschrieben habe, wie viele Fehler und Unklarheiten sie enthalten und wie ungelenk sie waren. Was die Dramen betrifft, kommt es mir vor, als hätte ich furchtbar wenige geschrieben, und ich kenne alle ihre Fehler genau. Ich vergleiche mich immerfort mit anderen und mache mir bewusst, wie viel besser und vernünftiger sie mit verschiedenen Situationen umgegangen sind und wie viel sie schon erreicht haben. Ich zweifle daran, dass es mir gelingen wird, etwas Gutes zu schreiben. Ich werfe mir das Fehlen einer Grundbildung vor, und dass ich im Grunde nichts kann (als Vaszek bin ich nicht einmal in der Lage, einmal die Woche einen klugen Brief nach Hause zu schreiben).“
Und weiter: „Ich empfinde physischen Ekel vor mir (Doppelkinn, Tränensäcke unter den Augen etc.), ich empfinde auch Ekel vor meinen Gewohnheiten, vor meiner (an diesem Ort so unangebrachten) Höflichkeit und Schüchternheit.“

„Es ist etwas geschehen, was als Schlüsselerlebnis mein Leben beeinflusst hat“, schreibt er in einem Brief an Olga im Juli 1982 über ein Ereignis von vor fünf Jahren. Damals war er zum ersten Mal inhaftiert und hatte abends nach dem Verhör auf Anraten des Staatsanwalts hin einen Antrag auf Entlassung geschrieben.
„Alle Gefangenen schrieben ständig solche Anträge, ich habe es also als eine Art belanglose Routinetätigkeit gesehen, die man nur um des eigenen seelischen Gleichgewichts Willen ausführt.“ Keine Reaktion. Also war er der Meinung, der Antrag sei im Papierkorb gelandet. „Doch plötzlich schlug es ein wie ein Blitz: Man erklärte mir, ich werde entlassen, mein Antrag aber würde für politische Zwecke genutzt werden.“
Er verstand, dass die Machthaber durch entsprechende Berichtigungen und Ergänzungen den Eindruck erwecken wollten, er hätte nicht durchgehalten und sich dem Druck gebeugt.
„Rudé Právo“ verkündete am 20. April 1977, Havel hatte erklärt, sich als Vertreter der Charta 77 „nicht immer richtig verhalten“ zu haben. Seine Auftritte „seien im Ausland tendenziös präsentiert worden“. Die Zeitung hielt fest, er „habe geschworen, sich von Tätigkeiten, die nicht im Einklang mit dem Gesetz sind, fernzuhalten“.
Er wurde entlassen. „Mit diesem Schandmal trat ich der Welt Auge in Auge gegenüber, die mir wie ein einziger und höchst berechtigter Vorwurf erschien. Niemand weiß, was ich in dieser schwärzesten aller meiner Lebensphasen durchgemacht habe (vielleicht hast Du es ein wenig gespürt)“.
Er schreibt, er habe fünf Jahre an dieser Last getragen. Er beschreibt es als traumatisches Erlebnis, das ihm ausschließlich Erniedrigung einbrachte.

„Spötter sind der Meinung, ich fordere auch ihre Zustimmung zu den Sünden, mit denen ich sie verletze.“ An diesen Satz des Ehemannes aus den 80er Jahren knüpften wohl alle Journalisten an, die kurz nach Olga Havlovás Tod über sie schrieben.
„Spötter sind sogar der Meinung, dass ich sie um Rat frage zu den Problemen, die mir meine zwischenzeitlichen ‚emotionalen Seitensprünge’ zuweilen bereiten“, fügte er hinzu.
Viele Tschechen finden, Havel habe mit solchen Aussagen schon lange, bevor er Präsident wurde, zugelassen, dass in seinem Intimleben herumgeschnüffelt werde. Hinzu kommt, dass in der tschechischen Kultur sehr frei über Sex gesprochen wird. Für die dortige Boulevardpresse ist ein fast völliges Fehlen ethischer Normen charakteristisch, wenn es darum geht, berühmte Menschen zu beobachten. Der Präsident wurde zur Ikone der Popkultur. Die Masse der Medien macht mit ihr fast alles, wozu sie Lust hat. Es gibt wohl – neben Clinton – keinen Präsidenten auf der Welt, über dessen Intimleben so viele Bücher geschrieben wurden, die noch während seiner Amtszeit erschienen. „Die Liebesaffären des ersten Paares“, „Sieben Tage, die die Hansenburg erschütterten“, „Die Beichte des Sekretärs“ ... Alle diese Bücher betreffen auch Havels jetzige Ehefrau.
In Tschechien kommt es zuweilen zu Pressekampagnen, die mit außergewöhnlicher Präzision vorbereitet werden. Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts Havel von der „geistigen Dimension  des gesellschaftlichen Lebens“ und der „Demut gegenüber dem Geheimnis des Lebens“ sprach, begrüßte ihn die größte bunte Tageszeitung, als er das Intellektuellentreffen ‚Forum 2000’ in Prag eröffnete, mit der Schlagzeile: „Herr Präsident, Sie haben einen Sohn“. Gemeint war das uneheliche Kind einer gewissen Journalistin, das soeben 15 Jahre alt geworden war. Die Kampagne war für drei Tage geplant, so lange wie das Forum dauerte. Am zweiten Tag teilte das Blatt mit, Havel habe sich bereits als der Junge klein gewesen war, einem Vaterschaftstest unterzogen, der ihn als Vater ausgeschlossen hatte. Am dritten Tag ging aus der Schlagzeile hervor, dass die Kindesmutter Havel seit Jahren erpresste, er sei aber gar nicht der Vater.
1998, kurz nach der Affäre mit Monika Lewinsky, war Havel in den USA. Danach überlegte er, ob das, was um Clinton herum geschehen war, nicht eine Krise der demokratischen Ordnung bedeutete, ob ein für uns Europäer offensichtliches Tabu angetastet worden war. „Amerika hat Tausende Gesichter, von denen ich die Mehrzahl liebe. In diesem Fall hat es ein Gesicht gezeigt, dass ich einfach nicht verstehe.“
Wie gewohnt geplagt von Zweifeln und Dilemmata fragt sich Präsident Havel: „Muss der Weg zur Freiheit ‚über Leichen’ von Autoritäten führen? Oder gibt es Grenzen? Und wenn ja, wo sind sie und wer soll sie ziehen?“ Später sagte er, dass unsere Gesellschaft, wenn sie sich nicht in irgendeiner Weise vergeistigt, zerfallen wird.

„Am schlimmsten war es mittwochs“,
schreibt er in seinem Buch, das seine Präsidentschaft zusammenfasst. Mit diesem Buch liegt uns eine Art Reality Show aus Havels Leben auf dem Hradschin vor. Aber das ist kein Exhibitionismus, es ist eine Aufrichtigkeit, der man nirgends sonst begegnet.
Václav Klaus hatte als Premierminister dem Präsidenten vorgeschlagen, sich jeden Mittwoch für eine Stunde zu treffen. Immer das gleiche Szenario: Ein 20-minütiges sehr freundschaftliches Gespräch, dann der Schlag, für den das alles inszeniert war, sprich Vorwürfe gegen Havel wegen Dingen, die er in letzter Zeit getan habe.
Diese Stunden wurden für Havel zum Alptraum. „Nachts träumte ich von ihm“, schreibt er, „so dass bereits mein Dienstagabend verdorben war.“
Trotz dieser Klagen über Klaus hat die tschechische Presse festgestellt, dass Havel den derzeitigen Präsidenten seltener erwähnt als die Fledermaus („In der Kammer, wo der Staubsauger steht, lebt eine Fledermaus. Eine Glühlampe ist erlaubt, aber nur eine, die sie nicht weckt und nicht blendet“, wies Havel schriftlich sein Büro an).
Dass Václav Havel in seinem Buch die dunklen Seiten der Zivilisation kritisiert, oder die Tatsache, dass das Wirtschaftswachstum in Tschechien nicht mit der moralischen Entwicklung einhergeht – war zu erwarten. Die Erkenntnis jedoch, wie viele wesentlich banalere Dinge einen Staatspräsidenten quälen, war für die tschechischen Leser eine Überraschung.
Wenn Schreiben bedeutet, sich immerfort zu fragen „wer bin ich“ (wie Hrabal gern sagte),  stellt sich Havel diese Frage ununterbrochen. Natürlich nicht direkt. Mit jeder Seite entsteht nicht etwa das Porträt eines Präsidenten, sondern eines Mannes, der unwillentlich zum Helden geworden ist. Eines Schriftstellers, dem die Politik jahrelang das Recht auf Aufrichtigkeit genommen hat.
„Es dauert für gewöhnlich jeden Tag recht lange, bis ich mich damit abfinde, dass ich lebe.“ „Morgens schäme ich mich am meisten dafür, dass ich lebe. Im Laufe des Tages geht das ein bisschen zurück und die größte Selbstsicherheit habe ich abends.“
Die Aufrichtigkeit in diesem Buch ist faszinierend. Unübersehbar ist bei Havel der Hrabalsche „Wille, sich selbst vom Sockel zu stoßen“. Nach dem Tod seiner Frau Olga gesteht der Präsident: „Ungeheuer  bedeutend war für mich, als sie auf ihrem Sterbebett zu mir sagte, ich hätte sie nie betrogen. Sie meinte etwas wesentlich Tieferes als meine ‚lockeren Sitten’, von denen sie mehr wusste als irgendjemand und die sie natürlich störten.“
Er sagt selbst, dass das sein ehrlichstes Buch sei, denn bisher habe er sich hinter den Figuren seiner Theaterstücke oder seinen offiziellen Ansprachen versteckt.

Leider hat Václav Havel in Tschechien viele Feinde. So nennen ihn seine Gegner oft den „Lakai der Deutschen“. Das Bedürfnis, den größten lebenden Tschechen zu erniedrigen, kommt sicherlich daher, dass er sie mit seiner Haltung daran erinnert, dass sie in den schwierigsten Zeiten passiv und gleichgültig waren. Präsident Havel ist in Tschechien auch die ideale Figur für diejenigen, die an Verschwörungstheorien glauben. Havel erfüllt eine ähnliche Rolle wie Adam Michnik in Polen. Paranoiker, die bekanntlich immer die entsprechenden Fakten parat haben, ersetzen in der tschechischen Version die antisemitischen Geschosse zumindest durch Kollaborationsvorwürfe. Havels Familie wird Zusammenarbeit mit den nationalsozialistischen Besatzern unterstellt, Havel wird vorgeworfen, er hätte mit der Entschuldigung für die Vertreibung der Sudetendeutschen gezielt den Revisionismus der Vertriebenenverbände geschürt, etc.
Ein Teil der öffentlichen Meinung wirft ihm seit Jahren die Absprache mit den Kommunisten vor, die angeblich dazu geführt haben soll, dass in verschiedensten Regierungsebenen nach 1989 so viele Leute aus dem alten System bleiben konnten. Der Expräsident erläutert in seinem Buch, dass es unmöglich gewesen wäre, 1989 den Staat mit all seinen Institutionen zu liquidieren und von Null aufzubauen. „Der Mangel an geeigneten Personen für die verschiedensten Ämter war schmerzlich. Wir mussten Rockmusiker, Übersetzer, Fernsehmoderatorinnen, Wissenschaftler, Schriftsteller und selbst Kumpels aus der Kneipe dazu überreden, dass sie bestimmte Funktionen übernahmen. Der Staatsapparat hatte Zehntausende Mitarbeiter, und so viele Dissidenten gab es wirklich nicht.“
Hätten die Tschechen alle Mitglieder der Kommunistischen Partei für immer entlassen wollen, hätte es – so Havel – keinen einzigen Kriminalbeamten, kein einziges Mitglied der Akademie der Wissenschaften, vielleicht sogar keinen einzigen Piloten auf dem Flughafen gegeben.
Diese Erinnerungen sind von Verständnis geprägt. Václav Havel ist unübertroffen in seinen Versuchen, den anderen Menschen zu verstehen. Schließlich war er es, der in den 80er Jahren der Meinung war, Politik müsse mit dem Herzen gemacht werden. Einmal wurde sein Freund, Schriftsteller und Dissident Pavel Kohout gefragt, wie es möglich sei, dass das, was sie beide schreiben, keine Anklagen enthalte.
„Wir sind schließlich Schriftsteller“, antwortete Kohout, „wir müssen den Menschen in seiner Ganzheit verstehen.“

(Übersetzung aus dem Polnischen: Antje Ritter-Jasinska)
 


Auzug aus P+ 14
WIRKLICHKEIT ERFINDEN
Michał Żak: Der große Ararat

  

 

 

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