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WANDERWÖRTERWIRRWARR

Kleiner deutsch-polnischer Grenzverkehr
Thomas Weiler

Wo der Amerikaner der „wanderlust“ [sprich: wonderlasst] anheim fällt, wird der Pole vom rajzefiber gepackt. Ob wohl ein deutscher Reiseweltmeister diese Wörter klammheimlich im Handgepäck außer Landes geschmuggelt hat? Sie sind jedenfalls im Ausland heimisch geworden, viele ihrer Artgenossen haben sich mittlerweile auch ohne Integrationsbeauftragten so gut in das neue Umfeld eingefügt, dass ihr Migrationshintergrund schon gar nicht mehr wahrgenommen wird.
Die deutsch-polnische Grenze scheint allerdings nur in eine Richtung durchlässig für auswanderungswillige Wörter zu sein. Im Polnischen finden sich zahlreiche Westimporte, das Deutsche ist dagegen erschreckend arm an polnischen Einwanderwörtern. Dabei haben wir doch schon die Grenze selbst der slawischen granica zu verdanken. Aber außer Gurke (ogórek) und Penunzen (pieniądze) hat kaum ein Wort erfolgreich die Grenze passiert. Sejm, Solidarność, Woiwodschaft und Masurka zählen nicht.
Aber spricht man im Ruhrpott nicht Polnisch-Platt mit Zungenschlag? Da muss es von Polonismen doch nur so wimmeln! Flötepiepen – tut es eben nicht. Der Hammer heißt hier zwar schon mal „Mottek“ (młotek), das pummelige Muttchen ist eine „Mattka“, und statt einen zu zwitschern geht man sich einen „pittschen“ (pić), das war es aber auch schon. Als Ausdruck besonderen Entzückens soll der Ruhrpöttler noch ein „dobsche, dobsche, trallala“ (dobrze – gut) von sich geben, statt Jacke wie Hose sagt er angeblich „schisskojenno“ (wszystko jedno). Recht mager diese Ausbeute.
Also kehren wir flugs zur granica zurück und wenden uns dem lexikalischen Grenzverkehr zu, der gen Osten rollt. Da sitzt mein szwagier (Schwager) in seinem dicken BeEmWu und kommt nicht von der Stelle. Neuwagen reiht sich an Gebrauchtwagen, es scheint überhaupt nicht voranzugehen. In weiter Ferne ist der szlaban (Schlagbaum) zu erahnen, da sitzt dann wohl so ein lahmer Grenzer in seiner buda und kommt nicht in die Puschen, die, nebenbei bemerkt, von den polnischen papucie abstammen. Oder sollte sich der vermaledeite bumelant von Grenzer etwa eine ausgedehnte pauza gönnen? Vielleicht sind ja auch einfach die saumseligen Autofahrer schuld an dieser endlosen Blechschlange. „Dalej, dalej“ brüllt da auch schon wieder ein aufgebrachter Pole, und alle rücken eine Wagenlänge vor. Wenn mein szwagier wüsste, dass die Deutschen ihr „dalli, dalli!“ von den Polen übernommen haben, hätte er jetzt Grund zum Schmunzeln. So muss er sich eben weiter ärgern und bekommt nicht einmal die frische Brise mit, die eben durch das geöffnete szyberdach weht und seinem erhitzten Haupt ein wenig Kühlung zu verschaffen sucht. Und seine mycka [mützka] zur Augenbeschirmung und gegen Glatzensonnenbrand hat er auch nicht dabei, sonst könnte ihm noch einfallen, den bislang unbekannten Ausdruck „szybermycka“ in Polen einzuschmuggeln (szmuglować). Auf dem Beifahrersitz ist die zuckerbegossene Schneckennudel (szneka z glancem) mittlerweile mit der Bäckertüte zu einem homogenen Ganzen verschmolzen, was szwagiers Laune auch nicht gerade hebt. Nicht einmal über die ulkige Werbetafel am Straßenrand, die einfach nicht aus seinem Blickfeld verschwinden will, kann er lachen: „Schrott Gliwice – schrott.pl“ prangt dort in großen Lettern. Klingt nicht gerade vielversprechend. Wenn man nicht weiß, dass bei autoszrot-Firmen gebrauchte Ersatzteile für Pkw und oft auch komplette Gebrauchtwagen günstig zu bekommen sind. Autoszrot hin, Schrottauto her, szwagier schwitzt in seinem fahrbaren Untersatz und zupft fluchend Bäckertütenfitzel von der Glanzschnecke. Nein, das ist wahrlich nicht lusztyk. „Haben die etwa wieder angefangen Pässe zu stempeln (stemplować) wie in alten Zeiten oder warum dauert das so lange? Alles fuszer hier …“

Überlassen wir den übelgelaunten majster mitsamt szyberdach und szneka an dieser Stelle seinem unerfreulichen Schicksal. Die Wörter werden trotz Stau weiter wandern (wędrować). Es gibt noch Grundsätzliches über die ins Polnische ausgewanderten Deutschen zu sagen. Nicht nur der gewaltige Anteil polnischer Wörter im Ruhrdeutsch ist ein Mythos, auch der Prozentsatz deutscher Lehnwörter im Polnischen fällt weit bescheidener aus, als dieser Artikel suggerieren mag. Auffällig ist jedoch, dass viele der Germanismen, die in die polnische Alltagssprache eingegangen sind, eine besonders hohe Gebrauchsfrequenz aufweisen. Viele deutsche Importe sind mittlerweile aber auch wieder aus dem Polnischen verschwunden, darunter so schöne Exemplare wie fraucymer, szwarcbir oder szyldkret.
Dann gibt es noch eine nicht unbeträchtliche Gruppe polnischer Ausdrücke, die für deutsche Ohren angenehm vertraut klingen, aber in ihrer Bedeutung nicht mit dem vermuteten deutschen Partner übereinstimmen – die berüchtigten falschen Freunde. So ist zum Beispiel der polnische adapter ein Plattenspieler, der kantor eine Wechselstube und der kryminalista derjenige, den die Kriminalisten jagen, nämlich der Kriminelle. Und wer aus Neugierde oder Wagemut im Restaurant eine mizeria ordert, ist vielleicht sogar ein bisschen enttäuscht, wenn er dann bloß einen harmlosen Gurkensalat serviert bekommt.
Zu den wohl interessantesten Auswanderern gehört das unscheinbare Wörtchen wihajster. Es steht für all die kleinen Dingsbumse, die irgendwie keine eigene Bezeichnung zu haben scheinen und bei denen der Pole immer wieder aufs Neue fingerschnippend nach dem rechten Ausdruck sucht: wi hajst er?
 


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