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WO SALZ SÜSS SCHMECKT

Das Salzbergwerk Wieliczka bei Krakau


Andra Joeckle

Atlantis aus Salz. Mit Sanatorium in 135 Meter Tiefe, wo man leichter und tiefer atmet, nach ISO 9001:2000 zertifiziert. Das erste der sieben Wunder Polens, befanden die Leser der meinungsbildenden ‚Rzeczpospolita’. Drehort für den Film ‚Sexmission’. Hilfe gegen Kater, so der Fremdenführer augenzwinkernd. Königreich des Salzes. Seit 1978 eines der zwölf schützenswertesten UNESCO-Weltkulturgüter. Historische Salzhauptstadt. Etwa vierzehn Kilometer südöstlich von Krakau. Station für Reisegäste im Orient-Express. Aufregende, cirka vier Kilometer lange Besucherroute für einen nicht gesalzenen Eintritt. Ort für Events: Staatsakte, ein Bankett für die Finalistinnen der Miss World 2006, für Rekorde und Träume: Bungeejumping oder segeln, wo noch nie jemand segelte: auf einem Solesee in 104 Meter Tiefe. Ort auch für Events auf der Zunge: Salz, das süß schmeckt für Gaumen, die Meersalz gewohnt sind.

„Fünf Kilogramm Salz sind im Eintrittspreis inbegriffen“, scherzt der Fremdenführer, „bitte bedienen Sie sich! Sie sind ringsum von Salz umgeben.“ Blumenkohlausblühungen wölben sich uns entgegen. Salznasen, Salzpfeifen, Salzgeschwülste, atomisiertes Salz, das in der Luft liegt: Die Fantasie kennt keine Grenzen, erst recht nicht die durch die salzhaltige Luft angeregte. Spaghettisalz hängt filigran von der Decke. Salz ist gar nicht langweilig. Salz hat Tempo: wächst mit 50 Zentimeter pro Jahr und muss geschnitten werden, damit es den Besuchern nicht auf den Kopf fällt. Mit Schutzhelm ist nur der Fremdenführer ausgestattet. Reine Deko? Wie viel Gefahr ist nur Show?

Salz ist heute Pfennigware. „Ihr seid das Salz der Erde“, übersetzte Luther die Bibel und meinte damit nicht: Ihr seid die Pfennigware der Erde. Salz, weißes Gold genannt, war einmal Gold wert. Wegen Salz wurden Kriege geführt, mit Salz wurden Kriege geführt. Unmengen Salz waren nötig, um Schießpulver herzustellen, Tierhäute zu gerben und Nahrungsmittel zu konservieren.

Der menschliche Organismus braucht täglich etwa 10 g Salz. Wir sind zu rund 60 Prozent Wasser, das zu 0,9 Prozent aus Natriumchlorid, also Salz besteht. Ohne NaCl bricht der Wasserhaushalt zusammen. Salz wirkt Wunder: Erstmaßnahme in Notfällen ist fast immer eine Infusion mit Kochsalz. Als Ärzten im Zweiten Weltkrieg das Morphium ausging, spritzten sie Kochsalzlösung. Das Placebo zeigte eine erstaunliche Wirkung.

Salz steht für Treue, ein Salzbund bezeichnet einen dauerhaften Bund. Der symbolische Wert des Salzes hat sich bis heute nicht erschöpft. In Wieliczka wird er gefeiert: mit zehn Ehen, die jährlich in den Tiefen der Salzmine geschlossen werden, beleuchtet von prunkvollen Kronleuchtern und prächtigen Kandelabern – aus Salz. Während Normalsterbliche 378 Holzstufen im Treppenschacht hinuntersteigen müssen, befördert die Hochzeiter ein Aufzug in die Tiefe. „Gut so“, grinst der Fremdenführer, „da bleibt ihnen keine Zeit zum Überlegen.“ Die prächtige Kapelle der Heiligen Kunigunde empfängt das Hochzeitspaar. Wer schon staunte über die Kapelle auf Prospekten, der mag nun erstarren zur Salzsäule, nicht vor Entsetzen, vor Entzücken. Sie macht stumm vor Staunen – verlangt aber Lautes zur gebührenden Würdigung ihrer Akustik. „Will nicht jemand die Akustik testen?“, fragt der Fremdenführer sein Besuchertrüpplein. Und tatsächlich: Eine echte Sängerin bringt uns ein Ständchen.

Unter unseren Füßen keine Erde, sondern Fliesen. Da muss man sich doch runterbeugen. Ah, gar nicht echt, „nur“ gemeißelt. Trotzdem. Der Bergarbeiter Sinn für Schönheit berührt. Und so glatt die Gänge generell, meisterlich poliert! Dank sei den über eine Million Schuhsohlen der Besucher, die pro Jahr über ihn hinwegschmirgeln. Beim Anblick der primitiven, in den Stein gehauenen Stufen wird dem Menschen der fortgeschrittenen Zivilisation im 21. Jahrhundert auf einen Schlag der Segen von Treppen klar. Wie anders dagegen eines Menschen Fortbewegung als Robbe oder auf allen Vieren.

Statt Dreck alles adrett. Strichfrisch leuchtet überall weiß bemaltes Holz. Dunkel sind nur die Urzeiten, in die die Entdeckung der Salzvorkommen zurückreicht, ins Jahr 1125: Vor fast 900 Jahren wurde Wieliczka als „Magnum Sol“ erstmals urkundlich erwähnt. An düsteren Wintertagen empfängt der Bauch der Erde seine Besucher mit einer heimeligeren und helleren Welt als über Tage, wärmer allemal: die Klimatisierung sorgt für konstante 14 Grad.

„Man staune!“, sagt der Fremdenführer und zeigt auf einen Mann, der Salz über einer Feuerstelle siedet, die Urform der Salzgewinnung. Der Mann ist nicht aus Fleisch und Blut und Salz, sondern aus Styropor und Kleber. Er sitzt in einer der über 2.000 Förderkammern, die in arrangierten Szenen die jahrhundertelange Arbeit im Salzbergwerk vor Augen führen. „Wie gut rasiert die damals doch schon waren!“, witzelt der Fremdenführer. Mehr Bartstoppeln, mehr Dreck, mehr Gefahr, mehr dunkle Seiten des Salzkristalls rufen die Gruselfesteren innerlich aus. Bitte gefährlicher gebogen die Warnstempel. Holzstempel, die so genannten Zeugen, biegen sich, lastet die Gesteinsmasse zu arg. Bitte einmal in Ohnmacht fallen vor Furcht und mit Riechsalz zurück unter die Wachen gerettet werden. Der Fremdenführer, kundig und geistreich, der ‚verdient’s salz indra suppa’ hätte man früher gesagt, erklärt dunkle Kreise im Gewölbe. Zur Stützung der Gesteinsmasse wurden Löcher gebohrt, um sie mit Stabilisierungspropfen wieder zu verschließen.

Wenigstens ein versagendes Handy. Aber noch in 124 Meter Tiefe kann man eine E-Card versenden. Mehr Gänsehaut bitte! Aber konstant bleibt es bei 14 Grad. Und der Kick, in den Salzseen zu ertrinken zu drohen!? I wo, die sind so salzgesättigt, dass es menschliche Körper unweigerlich an die Oberfläche treibt. Taucher mussten mit 25 Kilogramm Blei beschwert werden, als sie einmal Arbeiten unter Wasser verrichteten.

Bitte der Kitzel, schlagendes Wetter zu fürchten! Grubengasexplosionen? Passé. Nur Feierfunken sprühen noch, wird unter Tage Silvester gefeiert. Mörderische Vergangenheit ist nur noch als Pappmaché gegenwärtig. In einer weiteren Schaukammer fackeln Rettungsleute das geruch- und farblose Methangas ab. Sie robben, um Luftbewegung zu vermeiden.  

„Trotz Tausend grausamer Gefahren fährt der Bergmann jeden Tag unerschrocken in sein grausames Grab“, ermannten sich Bergleute in Wieliczka, wenn sie sich auf „Höllenfahrt“ begaben. Sie flehten ihre Schutzheilige um ein ‚Glück auf!’ an: „Heilige Barbara, die du im Erdenschoße des Bergmanns starker Hort, hör Barbara, du Große, getreuer Mineure Wort: Zu schwerem Werk wir fahren hinab den dunklen Schacht. Oh mögst du uns bewahren in dieser Bergesnacht. Will uns der Fels zerschmettern, droht brennend uns der Tod in flammenden Schlagwettern, so reiß uns aus der Not.“

In Wieliczka fuhren die Bergleute auf einer Seilschlinge oder auf einem Seilknoten in den Berg. Solche Seilfahrten waren andernorts verboten: Zu wenig reißfest waren Hanfseile.

Arbeitstechnisch elaborierter ist das Tretrad, auch Tretmühle oder Göpel genannt. Es wurde durch im Kreis herumgehende Menschen oder Tiere angetrieben. „Noch heute benutzen die Polen das dem Deutschen entlehnte Wort ‚kierat’“, klärt uns der Fremdenführer auf. „Im ‚kierat’ gehen oder leben“, sucht er Beispiele. Gemeint ist wohl ein monotoner, ermüdender (Berufs-)Alltag, den wir gelegentlich mit Tretmühle bezeichnen. Der Fremdenführer begibt sich zur Demo eigens in so ein Tretrad. Er habe sich, bei seinen wenigen Pferdestärken, zu diesem Zwecke zuvor mit drei Red Bulls gestärkt. Die Bullenstärken reichen gerade mal für eine Runde.

Salzabbauvorrichtungen reicherten den Wortschatz an, und Salz reichert Grünzeug an, drum heißt der Salat Salat. Das Salz findet sich viel in Redensarten: das Salz in der Suppe, Salz in die Wunden streuen, weder Salz noch Schmalz sein, Salz und Brot macht die Wangen rot – oder ein Paternoster sorgt dafür: ein Wasserhebewerk, das seinen Namen den Perlen der Paternosterschnur, der älteren Bezeichnung für Rosenkranz, verdankt. Auf Knopfdruck des Fremdenführers kommt ein Paternoster in Gang.  

Die Salzförderung in Wieliczka hat ihre einst gewaltige Bedeutung verloren. Die Erhaltung des Bergwerks als Kulturdenkmal ist heute das Gebot jeder Minute. Seit 1994 ist das Bergwerk Denkmal der Geschichte der polnischen Nation, seit 1989 steht es auf der Liste des gefährdeten Welterbes. Wasser ist die größte Gefahr. Permanent wird Sickerwasser an die Oberfläche transportiert. Denn stürzt das Bergwerk ein, ist auch die Stadt gefährdet. Die unterirdischen Förderkammern und labyrinthischen Gänge erreichen eine Länge von 300 Kilometern, staffeln sich auf neun Ebenen bis in eine Tiefe von 327 Metern unter Tage. Mindestens eine Woche wäre nötig, um alles in Augenschein zu nehmen. Die Touristenroute umfasst lediglich ein Prozent davon. 

Wieliczka und das kleinere Schwesterbergwerk Bochnia erwirtschafteten bereits im Polen des 14. Jahrhunderts 30 Prozent der Staatseinnahmen. „Die beiden Bergwerke waren einmal für Polen, was heute Nokia für Finnland oder Gazprom für Russland ist“, macht der Fremdenführer Relationen klar – cum grano salis. Monarchen schütteten dank Salzbergwerk feste Salärs aus: an königliches Personal, Würdenträger und sogar ihre Gemahlinnen. ‚Salär’ geht zurück auf den Sold, den römische Legionäre in Salzrationen ausbezahlt bekamen. Darüber hinaus finanzierten die Bergwerke Handelswege und die Akademie von Krakau, die spätere Jagiellonen-Universität. Kein Wunder, dass das Füllhorn zum Symbol der Salzhauerknappschaft wurde. Im 16. Jahrhundert entwickelte sich Wieliczka zu einem der größten Betriebe im damaligen Europa. Eine Betriebskantine wurde eingerichtet, ein interner Medikus angestellt. Sozialschutz und Altersfürsorge bewahrten die Bergleute davor, im Alter nicht einmal mehr das Salz zum Brot zu haben. Fassbinder, Schmiede, Salzkärrner und Stallknechte arbeiteten unter Tage – und vor allem Zimmerleute, die einen ganzen Wald in das Bergwerk hineinverbauten. Zur Stützung der Förderkammern. Eine Million Kubikmeter Holz wurden verbaut, so viel Holz, dass schließlich Holz mitbringen musste, wer in Wieliczka Salz abbauen wollte. Die Zimmerleute errichteten kunstvolle Stützbauten, die wie gotische Kathedralen die Köpfe in die Nacken dirigieren. 36 Meter hoch ist die höchste, die Stanisław-Staszic-Kammer. Dort wurde auch 1998 das Bungeejumping veranstaltet, 2002 sogar ein Ballonflug in erwärmter Luft. Solche Guinnessrekorde waren zur Zeit der Volksrepublik Polen wohl ein Ding der Undenkbarkeit.

Zahlreich versammelt sind in Wieliczkas Tiefen Salzskulpturen: Heilige (Kunigunde, Barbara und Thomas), Kopernikus, der Märtyrerpriester Popiełuszko und sogar Goethe, 2001 verfertigt, der 1790 dem Bergwerk seinen Besuch abstattete, fristen friedlich ihr salzskulpturales Dasein. Und natürlich fehlt auch der Papst nicht. „Hier haben Sie den einzigen Papst aus Salz“, präsentiert ihn der Fremdenführer. Im Laufe der Jahrhunderte fraß die Feuchtigkeit den Skulpturen, die älteste zählt 300 Jahre, ihre Ecken und Kanten ab. Sogar der Atem der Besucher wäre zerstörerisch am Werk, hätte man das Bergwerk nicht klimatisiert. Die Erosion komme den Skulpturen, freuen sich unerschütterliche Kunstkenner, sogar zugute. Dank Bildhauerduo Feuchtigkeit und Zeit erlangen Skulpturen in ihrem Dahinschmelzen den Charakter moderner Kunst. Prominente Nasen verniedlichen sich zu Stupsnasen, Lippen minimieren sich zu Strichen und Wangen glänzen, wo antatschfreudige Besucher das Berühren nicht lassen konnten.

Am tiefsten Punkt der Besucherroute, in 125 Meter Tiefe gibt es Bernstein. „Nicht aus Salz, sondern aus Danzig“, kalauert der Fremdenführer, „ansonsten traditionelle Getränke wie Cola und Kaffee.“ Auch Salzarmbänder werden feil geboten. So kann man noch lange sein Erlebnis nachschmecken. Kein Internet erlaubt virtuell Reisenden zu verkünden: Ich hab ein wenig Salzpapst am Finger. Kein Internet rüttelt einen wohlig durch, wenn es im ratterfreudigen Aufzug nach rund drei Stunden wieder ans Tageslicht geht. 



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