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ZWEI AUS DER FERNSEHTRUHE

Paul-Richard Gromnitza

Das Fernsehen in Polen ist gerade mal fünf Jahre alt, da flimmern Ende 1958 Jeremi Przybora und Jerzy Wasowski über die Mattscheibe, die mit ihrem Altherren-Kabarett (Kabaret Starszych Panów) polnische Fernsehgeschichte schreiben.
Als am 18. Oktober 1956 um 20.30 Uhr zwei Herren, beide Mitte vierzig, auf die Fernsehbühne treten, kann wohl niemand ahnen, dass sich die Show zum Straßenfeger entwickeln wird. Dabei lief Kabaret Starszych Panów selten: Zwei bis drei Mal im Jahr strahlte TVP eine Sendung aus. Insgesamt wurden bis 1966 nur 16 einstündige Altherrenabende gezeigt. Sechzehn TV-Stunden, die ausreichten, das kongeniale Duo Przybora-Wasowski berühmt und (fast) unsterblich zu machen.
Schaut man heute die damaligen Sendungen an, so ist man zunächst etwas irritiert. Da sieht man zwei Herren im Frack mit Klapphut und Gehstock und das alles in einer billigen, wackeligen TV-Kulisse beim „Herumsketchen“. Zu allem Übel begleitet Jerzy Wasowski an einem Sperrholzklavier ohne Tastatur seinen Partner Jeremi Przybora oder einen der zahlreichen Gäste.
Auch wird keines der Lieder live gesungen, sondern alle kommen aus der Konserve. Das Rezept der Herren scheint schlicht: Sie spielen einen Sketch, dann singt der eine oder der andere oder beide zusammen oder ein Gast, dann kommt wieder ein Sketch oder ein Kalauer und schon trällert es wieder aus dem Off. Und das soll Gomułka derart auf die Palme gebracht haben, dass er mit einem Schuh auf den Bildschirm geworfen haben soll? Man kommt ins Grübeln. Doch wie nähert man sich dem Phänomen an? Zunächst über das Umfeld. Przybora und Wasowski waren die ersten. So etwas wie das Altherren-Kabarett hatte man noch nicht gesehen. Aber sie waren nicht nur die ersten, sondern auch die besten und auch die letzten.

Um die Popularität der beiden zu verstehen, muss man ihre Biographien kennen. Geboren und aufgewachsen sind sie in Warschau, einer Hauptstadt mit einem mannigfaltigen Kulturleben und einer unwiederbringlich verlorenen Kabarettszene, die anderen europäischen Metropolen damals in Nichts nachstand. Das Warschau der 30iger Jahre, gehörte dem Satiriker Marian Hemar und Kabaretts wie Qui Pro Quo, Ali Baba und Nowa Komedia. Das alles sog der junge Przybora geradezu auf und berauschte sich intensiv an den Texten von Tadeusz Boy-Żeleński und Konstanty Ildefons Gałczyński.

Jeremi Przybora (Jahrgang 1915) und Jerzy Wasowski (Jahrgang 1913) lernten sich im Sommer 1939 kennen, als Przybora Nachrichtensprecher beim Polnischen Rundfunk wurde, wo Wasowski als Aufnahmeleiter arbeitete. Doch erst nach dem Krieg begann ihre langjährige Zusammenarbeit mit der Radio-Kabarettsendung Teatr Eterek (Theater Ätherchen), wobei Wasowski als Produzent und Regisseur fungierte und zudem die Melodien zu Przyboras Texten beisteuerte. Ohne dieses Radio-Programm, das man später als „das breiteste Lachen in den stalinistischen Zeiten“ bezeichnete, hätte es das spätere TV-Programm nicht gegeben. In den zehn Jahren (1948-58) der Zusammenarbeit, entwickelte sich Przybora zum hohen Meister des Wortwitzes und der Situationskomik. Es ist müßig klären zu wollen, welcher der beiden, der wichtigere im Team war. Ganz klar: Przyboras meisterliche Texte voller fragiler Komik und Wortunsinn sind eine Klasse für sich. Selbst die Literaturnobelpreisträgerin Wiesława Szymborska schätzt sein Werk, u. a. 670 Schlagertexte. Wie kein zweiter verstand es Przybora, eine Prise Subversivität mit Erotik, Humor und Melancholie in seinen Versen zu vereinen. Er war zudem ein Meister der Alltagsbeobachtung.
So ergötzt er sich im Lied Brief an die essende Eurydike (List do jedzącej Eurydyki) daran, wie es eine Frau versteht Gabel und Messer zu halten und er schwärmt: „Man kann es einfach nicht begreifen, wie wunderschön du einen Pfannkuchen isst.“ Im Lied Mein Mädchen ohne Herzchen (Moja Dziewuszka nie ma Serduszka) schlitzt er seiner Liebsten die Brust auf, nur um zu sehen, was in ihrem Innern wohnt. Hat sie anstatt eines Herzens etwa ein mechanisches Uhrwerk? Das sind Ohrwürmer, die nach einem halben Jahrhundert von ihrem Charme fast nichts eingebüßt haben, auch dank der schmissigen Melodien von Wasowski. Sein Anteil am Erfolg des Duos wird leicht unterschätzt. Er führte in Zeiten der Zensur in allen TV-Sendungen Regie, was genügend Spielraum gab. Zudem entwickelte er mit Przybora gemeinsam den intelligenten Humor, den Genosse Gomułka nicht ausstehen konnte oder einfach nicht begriff (siehe oben). Denn die beiden Herren waren eigentlich äußerst apolitisch. In einem Sketch kommt eine Journalistin ins Studio, um zu sehen, wie ein Lied entsteht. Die beiden Herren flirten eher mit ihr, als das sie auf ihre Fragen eingehen, doch mir nichts dir nichts steht ein zweites Fräulein im Studio und gibt sich als Frau Lied aus. Przybora läuft um sie herum, bittet sie dann sich auf- und niederzusetzen, um schließlich schelmisch anzumerken: „Sehen Sie so entsteht ein Lied“ (Im Polnischen gibt es ein Verb, dass sowohl ‘aufstehen’ als auch ‘entstehen’ bedeutet: powstać). Wie unerhört frisch und anders die Show im Mief der prüden 50er Jahre war, soll ein anderes Beispiel verdeutlichen. In einem Lied versucht Przybora, einen Nagel in die Wand zu hauen. Doch die Wand ist zu dünn, und kaum ist der Nagel drin, so geht er hindurch. Eine attraktive Nachbarin bringt ihn wieder. Przybora haut noch etliche Male Nägel durch die Wand, immer kommt die Nachbarin, jedes Mal um ein Kleidungsstück ärmer. Bis sie schließlich im Korsett erscheint. Danach geht Przybora ein letztes Mal mit dem Hammer zu Werke. Doch statt der Nachbarin, steht sein Kumpel Wasowski mit einem Nagel in der Hand vor der Tür und lässt von der Nachbarin grüßen. „Und was hatte sie an?”, fragt Przybora. „Nichts, von dem ich dir erzählen könnte.“ Hier spürt man vielleicht die humorvolle Nähe zu Loriot oder Heinz Erhardt. Doch das Geheimnis des Erfolgs lag nicht nur in den Liedern und den Sketchen. Es waren die zwei Gentlemen selbst. Sie waren Relikte einer guten alten (europäischen) Vorkriegskultur und eines Savoir-Vivres, das es so nicht mehr gab und auch nie wieder geben wird. Als Jerzy Wasowski am 29. September 1984 starb, schrieb Przybora wohl eines seiner schönsten und traurigsten Liebeslieder überhaupt.
In „Landschaft ohne dich” (Pejzaż bez ciebie) heißt es an einer Stelle. „Der September machte, dass ich fast nichts mehr fühle”. Als Przybora am 3. März 2004 im Alter von 88 Jahren starb, gab es niemanden mehr, der ihm einen ähnlichen Nachruf hätte schreiben können.
 


Auzug aus P+ 14
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